Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

Feindbilder
 

Der häßliche Deutsche

Der „häßliche Deutsche“ ist zurück auf der politischen Bühne. In den letzten Jahrzehnten gab es für ihn nur noch Nebenrollen: ein größeres Engagement wenigstens im Vorfeld der Wiedervereinigung, dann als es um die „Integration“ ging, ein paar regelmäßige Auftritte in den ostmitteleuropäischen Staaten, immer wenn man die eigenen Untaten vergessen machen wollte. Aber sonst schien seine Karriere zu Ende.

Jetzt ist er wieder da, als Begleiterscheinung der Debatte über Euro-Krise, Rettungsschirm und Fiskalunion. Plötzlich wird dieser Charakter, den man verschwunden glaubte aus dem Bestand der Theaterschurken, von den Briten bemüht, die bei Annahme der deutschen Reformvorschläge ein „Viertes Reich“ fürchten, von der französischen Linken, die mutmaßt, hinter Merkel lauere Bismarck, in jedem Fall aber „Nationalismus“, von den Griechen, die begeistert die Erinnerung an die deutsche Besetzung hervorholen, wenn das Wort „Staatskommissar“ fällt, und von einigen Italienern, die sogar einen inneren Zusammenhang zwischen Auschwitz und der deutschen Währungspolitik herstellen.

Kontinuität deutscher Bösartigkeit statt Bruch mit dem Vergangenen

Alledem ist eine erhebliche Bösartigkeit gemeinsam. Man unterstellt Deutschland und den Deutschen nicht nur finstere Absichten, sondern auch eine Kontinuität, die eine so auf demonstrativen Bruch mit der eigenen Biographie bedachte Nation schmerzen muß. Allerdings gibt es hierzulande keine aufgebrachten Reaktionen: Man bleibt gelassen, weder wird lautstark protestiert gegen die Verdächtigungen, noch gibt es irgendwelche Rechtfertigungsversuche. Auch die allfällige Zerknirschung und Einsichtsbereitschaft fehlt. Nicht einmal die Wächter der Vergangenheit fühlen sich veranlaßt, unter Hinweis auf die deutsche Geschichte mit einer Mahnung hervorzutreten.

Wenn überhaupt, dann sind die Einschätzungen nüchtern, durchaus analytisch und an den Prinzipien wirtschaftlicher Vernunft orientiert. So äußerte zum Beispiel Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA: „Die Italiener lachen über uns, das erlebe ich jedes Mal wieder. Wenn ich mit den Unternehmern, mit der Elite dieses Landes, spreche, sagen die: Ihr zahlt sowieso. Warum? Weil ihr so viel Angst habt.“ Gemeint ist die Angst vor dem Hinweis auf die braunen Flecken, die Erpreßbarkeit der Deutschen, an die sich die europäischen Nachbarn, wenn nicht die Weltgemeinschaft gewöhnt hat. Ein Antigermanismus, dessen Brauchbarkeit über jeden Zweifel erhaben ist und den zu verwenden jeder Politiker im Ausland rasch erlernt.

Ursprung des antideutschen Feindbildes im ersten Weltkrieg

Allerdings greift man zu kurz, wenn man die Wiederkehr des „häßlichen Deutschen“ allein mit dem Wohlstand erklärt, der eben Begehrlichkeiten weckt, oder mit den Untaten – tatsächlichen oder vorgeblichen –, die diese Nation zwischen 1933 und 1945 auf ihr Gewissen lud. Mindestens ist zu verweisen auf den Ersten Weltkrieg als Ursprung der Feindseligkeit gegen eine Gruppe, für die es in der Geschichte kaum Vergleiche gibt.

Den damals erreichten Grad der Verhetzung und der Mobilisierung niedrigster Masseninstinkte gegen den Feind hatte man auf seiten der Entente zwar schon eingeübt – während der Französischen Revolution, während des amerikanischen Bürgerkriegs und der kolonialen Expansion Großbritanniens –, aber es fehlten noch die Planung im großen Stil, die ungeheuren Geldmittel und die moderne Technik.

Jedenfalls hatte noch nie eine europäische Nation über eine andere europäische Nation derartiges in Wort, Schrift und Bild in Umlauf gebracht. Dabei war der dauernde Tiervergleich oder die Assoziation mit den barbarischen „Hunnen“ und Vandalen oder die systematische Herabwürdigung oder Denunziation des Herrschers immer nur ein Aspekt, erst die Menge systematischer Lügen – von der angeblichen Bereitwilligkeit, Kathedralen zu bombardieren über die deutsche Neigung zum systematischen Schänden von Frauen und Abhacken von Kinderhänden bis zur Kreuzigung feindlicher Soldaten – schuf jenes Feindbild, das sich weniger im Verstand als im Gefühlsleben der Menschen festsetzte und das zu korrigieren nach dem Ende des Konflikts in niemandes Macht stand. Der Ursprung der meisten bis heute umlaufenden antideutschen Stereotype liegt fast einhundert Jahre zurück.

Deutsche analysierten nüchtern den Haß des Auslandes

Selbstverständlich wurden die Vorgänge auf seiten der Entente in Deutschland während des Ersten Weltkriegs sorgfältig beobachtet. Ein bekannter Politiker der Folgezeit zog den Schluß, daß man von derart hemmungsloser Propaganda nur lernen könne für die eigene Praxis, andere gingen an die systematische Durchdringung des Themas. Den Klassiker – „Die Ursachen des Deutschenhasses“ – lieferte 1917 der Philosoph Max Scheler.

Diese „Nationalpädagogische Erörterung“ ist während des Krieges und das heißt cum ira et studio geschrieben, aber kein agitatorisches Machwerk, sondern immer noch der Lektüre wert. Denn Scheler geht den tieferen Ursachen des antideutschen Affekts nach: das heißt, er behandelt nicht nur den Neid auf deutsche Tüchtigkeit oder Angst vor dem preußischen Militär, nicht nur die Irritation über deutsche Tiefe oder Ressentiments gegenüber dem Volk der Dichter und Denker, nicht nur die Erinnerung an die germanischen Barbaren oder die superbia teutonicorum – den „deutschen Hochmut“ – der Stauferzeit, sondern das Gefühl des Befremdens gegenüber uns, das in „einem allgemeinen Welthasse“ gegen die Deutschen kulminieren kann, weil sie ihrem Wesen nach anders sind als der Rest.

In ihren klaren Momenten wissen die Deutschen um dieses Anders-Sein. Für gewöhnlich leiden sie daran, was die Neigung zum Selbsthaß, zum zügigen Anschluß an den Gegner, zur Imitation dessen, was man nicht ist, aber auch zur kollektiven Depression hinreichend erklärt. Im Ausnahmefall sehen sie sich unerträglich provoziert, zum Auftrumpfen gereizt und zu jener unklugen Haltung des „Wir fürchten nichts auf der Welt“ gebracht. Auch die Sehnsucht, diesen Extremen zu entkommen, ist alt bei den Deutschen. Jedenfalls stellt sie eine Aufgabe, die noch der Lösung harrt.

JF 08/12

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