Verdämmt und zugeklebt

Ein heimtückischer Virus hat unsere Innenstädte befallen: der Dämmstoffwahn. Aus einst wohlproportionierten Altbauten werden ihres Außenschmucks beraubte, glattgestrichene Klötze mit tiefliegenden Schießschartenfenstern. Bei Neubauten bestehen die Wände meist zur Hälfte aus Styroporplatten. „Wärmedämmung“ nennen das staatliche Behörden und Kreditanstalten, die dieses Treiben mit Milliardensummen subventionieren. Baufachleute sprechen eher von „Sondermüll“. 

In Tübingen regiert ein selbstbekennender „Dämmstoffwahnsinniger“, der am liebsten das ganze schwäbische Universitätsstädtchen einpacken würde. Einem Architekten, der ihm vorhält, dann wäre es kein Tübingen mehr, wirft der grüne OB Boris Palmer vor, er wolle die „ästhetischen Gegenwartsbedürfnisse“ über die „Lebensbedürfnisse künftiger Generationen“ stellen. 

Greifbarer Wahn

Da wird der Wahn schon greifbar. Jemand weiß also ganz genau, was die „Lebensbedürfnisse künftiger Generationen“ sind, und schöpft aus diesem Geheimwissen die Rechtfertigung, die Gegenwart mit einem geldverschlingenden dirigistischen Feldzug zu überziehen und ganze Straßenzüge zu uniformieren. Schimmel auf zugeklebten Backsteinmauern und stickige Luft trotz brummender Dauerventilation in hermetisch isolierten Neubauten sind die Kollateralschäden von heute. 

Der Aufwand ist gigantisch, der Effekt fraglich, die Rechtfertigung – CO2-Emissionen reduzieren und „das Klima schützen“ – eine nebulöse Ideologie, die vor allem dazu dient, neue Eingriffe ins Privateigentum zu rechtfertigen und Milliarden an den ökoindustriellen Komplex umzuverteilen. Soviel zu den „grünen“ und „nachhaltigen“ Job-Wundern – bei näherem Hinschauen entpuppen sie sich als subventionsgespeiste Strohfeuer, bei denen einige viel Geld mit hochgejubelten Technik-Ideen verdienen, die in wenigen Jahren schon wieder als überholt belächelt werden dürften. 

Solide gemauerte Altbauten zuzukleben ist nicht nur eine ästhetische Barbarei, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der Energieeinsparung Unfug, rechnet der Schweizer Energieexperte Paul Bossert vor: Wenn Kellerdecke und Dachboden gedämmt und die Fenster doppel- oder isolierverglast sind, haben die guten alten Backsteinhäuser Werte, hinter denen moderne Passivhäuser zurückbleiben, weil diese die Sonnenenergie auf den Fassaden wegen der Dämmung nicht nutzen können. 

Altbauten werden überdauern

Die schönsten bürgerlichen Wohnungen, hat Martin Mosebach in seinem splendiden Essay zum letztjährigen „Tag der Architektur“ festgestellt, wurden zwischen 1880 und 1910 gebaut. Die weitläufige Schönheit und Eleganz, die bislang Schlössern vorbehalten war, wurde in der Gründerzeitarchitektur für die wohlhabende Mittelschicht verwirklicht. 

Die Altbauten jener Tage mit ihren starken, das Raumklima perfekt regelnden Backsteinmauern werden auch 2050 noch stehen und Maßstäbe setzen, wenn die dünnen Kalksandsteinwände heutiger energieeffizienter Neubauten längst zu bröckeln beginnen und die draufgeklebten Dämmstoffe wahrscheinlich schon zum Verdruß der künftigen Generationen als Sondermüll auf den Deponien liegen. 

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