Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Schulranzenparty

„Heute wollen wir das Ränzlein schnüren, packen Lust und Frohsinn mit hinein“, heißt es in dem bekannten Volkslied. Doch bei der ersten Sichtung von Schulranzen für den angehenden ABC-Schützen sind den Eltern Lust und Frohsinn schnell vergangen. Nach dreißig Jahren beschäftige ich mich erstmals wieder mit Schulranzen für Erstkläßler. Du liebe Zeit!

Über ein halbes Jahr vor Schulbeginn wird bereits ein Riesenbohei um diesen Behälter gemacht. Die Vorschulkinder dürfen ihren neuen Tornister stolz im Kindergarten vorführen. Eltern wird allen Ernstes empfohlen, nicht zu lange mit der Anschaffung zu warten, damit sich das Kind in aller Ruhe mit den kniffligen Schließmechanismen vertraut machen könne. Selbstverständlich spielt diese Tasche auch für Industrie und Handel eine wichtige Rolle. Der örtliche Schreibwarenhändler lädt heute zu einer „Ranzenparty“ ein. (Nein, es ist kein lustiges Treffen der Bäuchigen.) Und sobald die ersten Kinder bereits mit ihrem neuen Ranzen prahlen, hängen die anderen Kinder natürlich auch ihren Eltern in den Ohren, nicht länger zurückstehen zu müssen.

Schwer, häßlich, teuer

Dann holen wir eben erste Erkundigungen ein. Beim Besuch eines einschlägigen Geschäfts trifft uns fast der Schlag. 300 Mark für einen Schulranzen ist ein durchschnittlicher Preis. Für einen echten „Scout“ oder einen „McNeill“ aus der „Deluxe“-Serie soll der Kunde sogar bis zu 500 Mark hinblättern – heute natürlich in Teuro. Da sage noch jemand, Bildung koste nichts.

Als wir einen Ranzen hochheben, wundern wir uns, daß er offenbar bereits voller Schulbücher ist – ach doch nicht, er ist leer; wie alle anderen hat er jedoch ein hohes Eigengewicht von 1,2 Kilogramm. Wer also der amtlichen Empfehlung folgt, daß der gefüllte Ranzen nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts wiegen soll, darf dem Erstkläßler weniger einpacken, als die Tasche wiegt. Am störendsten sind auf fast allen Ranzen jedoch die schreienden Motive, die offenbar den vom Unterricht gelangweilten Schülern ein wenig Ablenkung verschaffen sollen.

„Es ist nicht nur ein Ranzen“

Uns dämmert, daß wir nicht einfach einen Schulranzen kaufen sollen, sondern ein Erzeugnis, das den Lebensstil unserer Kinder prägen und sie vorsorglich auf Konsum einstimmen soll. „Es ist nicht nur ein Ranzen. Es ist ein Scout“ belehrt uns denn auch die teure Edelmarke. Sie hat den „ersten Schulranzen mit zuschaltbarem Aktivlichtleiter“ auf den Markt gebracht. Fragen Sie mich bitte nicht, was das ist und wozu man das braucht. Früher haben die Kinder Kohlen in die Schule mitgebracht, heute bringen sie eben „Aktivlichtleiter“ mit.

Für Feuerwehr und Rettungsdienst geeignet

Die Marke „Step by Step“ verspricht, mit ihren Taschen seien Kinder „cooler als die anderen“. Diese Ranzen schützen also vor Hänseleien, da brauchen wir uns dann keine Sorgen mehr um die soziale Anerkennung des Sprößlings zu machen. Wir dürfen zwischen der Serie „Touch“ und „Puretouch“ wählen. Die Modelle wie „Pink Romance“, „Black Spider“ oder „Monster Truck II“ sind „mit hochwertigstem Reflexmaterial, welches bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst zum Einsatz kommt“, ausgestattet. Das ist beruhigend zu wissen für den Fall, daß die Schule einmal brennt.

McNeill hat – anders als Markenname und Werbespruch („your best friend“) vermuten lassen –  seinen Produktionsstandort in Deutschland. Seine „Exclusive-Line Serie … verzückt jedes Schulkind“. Dieses kann zum Beispiel zwischen den Premium-Modellen „Knight“ und „Princess“ wählen. Für unadelige Straßenkinder und Hinterwäldler stehen dann die Serien „Traffic“, „Highway“ oder „Wolves“ bereit.

Der Ranzen für den Amokläufer von morgen

Den Vogel schießt jedoch der Top-Agents-Ranzen von Playmobil ab, auf dem ein martialisch aussehender, sonnenbebrillter Playmobil-Schütze großformatig abgebildet ist. Er steht vor einer Zielscheibe und feuert gerade mit seiner Pistole in die Luft, die Flamme schlägt heraus … Soll dies etwa der Ranzen für den Amokläufer von morgen sein? Warum soll sich in das Hirn der Erstkläßler ein solches Bild einnisten? Die Händlerin zuckt mit den Schultern. Man stelle eben einfach alles hin, was der Hersteller so anbietet. Wer so denkt, dem sind Werte wie Ehre oder Verantwortung freilich nur ein lästiges Beschwernis irdischen Daseins.

Wir geben die Hoffnung nicht auf, noch den richtigen Ranzen zu finden, so daß wir das Lied vom Ränzlein weitersingen können: „Haben wir des Berges Höh’ erklommen, schauen lachend wir ins Tal zurück. Lebet wohl, ihr engen, staub’gen Gassen, heute winkt uns der Scholaren Glück.“ Welch schweres Gepäck uns diese Zeit doch aufbürdet!

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