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Neue Medien – neue Politik

Georg Franck weist im letzten Merkur auf einen symptomatischen Wandel in der durchkapitalisierten Kultur hin, dessen Auswirkungen für die Politik nicht zu unterschätzen sein werden.

Hatte der früher maßgebliche Soziologe des Kulturbetriebs, Pierre Bourdieus, das symbolische Kapital der Hochkultur-Eliten noch in ihrem Vermögen erkannt, Prestige aus Distinktion und sozialer Distanz gegenüber dem bloß Populären zu gewinnen und mittels ihrer Beziehungen exquisite, nach unten abgeschlossene Clubs zu bilden, so ermöglichten die neuen Medien, daß gerade die Protagonisten des populären Fachs, um nicht zu sagen des Trash, der Hochkultur die Spitzenstellung als Prominenz längst streitig machen.

Neue Medien kapitalisieren den Wert an Beachtung

Während Medien älteren Typs, also bildungsbürgerliche Institutionen wie Verlage, Presse, Theater, Kino, Konzerte, ästhetische und politische Angebote gegen Geld handelten, werfen die neuen Medien, alle Arten Privatsender und das Internet, die Informationen ihren Kunden nur so hinterher.

Als reine Werbeträger kapitalisieren sie lediglich den „Wert an Beachtung“, der nun aber gerade jenen zukommt, die sich dem umbuhlten Geschmack der Masse und der Blödelei betont andienen und gerade nicht auf die Exklusivität von Hochkultur setzen. Diese „Stars“ werden gesucht oder müssen als Attraktion eigens in ganzen Kohorten aufgebaut und reproduziert werden, da der expandierende Markt einer großen Zahl von ihnen bedarf.

Quantität statt Qualität entscheidet

Die neuen Medien bieten ihre Präsentationsfläche und -zeit also jenen, die Aufmerksamkeit erwarten lassen, so daß sich Produktwerbungen lohnen. Ökonomisch ausgedrückt: Präsentationsmöglichkeiten werden investiert, Aufmerksamkeitseinkünfte akkumuliert. Aus dem Verhältnis beider errechnet sich eine Art Kurswert. Wo früher die Qualität über den Wert entschied, ist es jetzt allein das quantifizierende Ranking, das nach Quote, Auflage, Besucherzahlen mißt.

Der Wert der Ware Aufmerksamkeit ist vom konservativen Qualitätsmerkmalen weitgehend entkoppelt: „Paris Hilton hat nicht mehr gebraucht als den Bekanntheitsgrad einer reichen Erbin, die ein Pornofilmchen dreht, um an die Spitze der börsennotierten Firmenwerte aufzusteigen. Und für deutsche Verhältnisse mag der Name Verona Feldbusch stehen, wo eine vierwöchige Ehe mit einem A-Promi dem Aufstieg zur Celebrity den nötigen Schwung gab.“

Die Politik folgt dem Show-Business

Man mag das beklagen oder nicht. Wichtig erscheint mir vor allem, daß die Politik diesem neuen Show-Business folgt und daher je nach Grad der erstrebten Aufmerksamkeit und Zustimmung wankt und schwankt. Guttenberg war dafür ein noch vergleichsweise komischer Ausdruck, im Auftreten der Regierungskoalition spiegelt sich jedoch bereits die beschriebene Dekadenz der Medienwelt. Was beispielsweise in der Causa Kernenergie geschah, unterschied sich gar nicht mehr vom kommerzialisierten Fernsehklamauk. Bald mag es so sein, daß Deutschland in der Politik nur noch den Superstar sucht, der von sich sagen will: Ich kann Kanzler! Vermutlich wird ihn das Publikum befeiern, weil es seine Mediengewohnheiten so einfach übertragen kann.

Die Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts folgten ihren Ideologien, die aufstrebende Bundesrepublik der Fünfziger und Sechziger setzte auf sich lohnende Leistung; eine neuartige „Mediokaratie“ bräuchte vielleicht nur den kleinsten gemeinsamen Nenner allgemeiner geistiger und geschmacklicher Degeneriertheit bunt ausmalen, indem sie sich der Ikonographien und Inszenierungen des „Unterschichtenfernsehens“ bedient. So würde konsequent der Weg von der Kulturnation zur transeuropäischen Soap weiter beschritten.

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