Lesän duach Schraiben

Mein Ärger. Der gerechte Zorn“ – Eine weitere schulpolitische Irrlehre, die sich an deutschen Schulen schon seit über zehn Jahren festgesetzt hat, erreichte vor einigen Tagen die B.Z.-Kolumne von Gunnar Schupelius, die dem „gerechten Zorn“ verpflichtet ist. „Lesen durch Schreiben“ (LdS) heißt der Mißgriff, der nachgewiesenermaßen der Entwicklung einer sicheren Rechtschreibung schadet.

Ein Leser aus Berlin berichtete Schupelius: „Meine Tochter, 11 Jahre alt, hatte diesen LdS-Quatsch die ersten beiden Schuljahre. Nach dem zweiten Schuljahr bekam sie eine neue Lehrerin. Auf dem ersten Elternabend teilt diese mit, daß ein Arbeiten im Deutschunterricht nicht möglich sei, die Kinder hätten allesamt zu viele Defizite in der Rechtschreibung.“

Jedem Kind seine eigene Rechtschreibung

„Lesen durch Schreiben“ bedeutet, daß statt der traditionellen Fibel und eher als lästig erachteten Rechtschreibregeln eine sogenannte „Anlauttabelle“ im Mittelpunkt des Unterrichts steht. Schulanfänger sollen zunächst so schreiben, wie sie sprechen. Da jedoch das lateinische Abece keine Lautschrift ist, gelingt das nur bei einzelnen Wörtern, und Schreibfehler sind unvermeidlich. Besondere Schwierigkeiten haben diejenigen, die nicht genau nach der Schrift sprechen, sondern eine von der Mundart geprägte Sprache oder gebrochenes Deutsch.

Die Kinder bekommen mit LdS zwar einen schnelleren Zugang zur Schrift, machen jedoch mehr Fehler. In Verbindung mit dem sogenannten „Freien Schreiben“ entfaltet „Lesen durch Schreiben“ eine geradezu zerstörerische Wirkung auf die Rechtschreibsicherheit. Lehrer und Eltern dürfen nach der reinen LdS-Lehre Falschschreibungen nicht verbessern, um den Elan der Schüler nicht zu beeinträchtigen. Statt dessen prägen sich die Fehler ein. Jedes Kind entwickelt seine eigene Rechtschreibung, die logischerweise meistens leider nicht mit der normierten übereinstimmt. Ab der dritten Klasse, spätestens jedoch am Ende der Grundschulzeit, kommt dann das böse Erwachen, wenn plötzlich das Einhalten von Regeln verlangt wird.

Ganz Deutschland ist betroffen

Doch nicht nur Berlin ist betroffen. In ganz Deutschland hat sich mit Hilfe der Kultusministerien eine Idee durchgesetzt, die auf den Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen (1939 bis 2009) zurückgeht. Dieser warb für das Konzept „Lesen durch Schreiben“ mit Hilfe des „Hamburger Instituts für Lehrerfortbildung“. Reichen fand gelehrige Schüler, die sein radikales Werk in zum Teil etwas abgeschwächter Form durchsetzten.

Einer davon ist Hans Brügelmann. In einem Nachruf auf Reichen jubelte er, daß es gelang, „500 Jahre Fibeltradition“ zu überwinden. Brügelmann nennt seine Weiterentwicklung „Spracherfahrungsansatz“. Weitere LdS-Ableger sind „Tinto“ von Rüdiger Urbanek und die „Rechtschreibwerkstatt“ von Norbert Sommer-Stumpenhorst. In Bayern heißt es „Phonetisches Schreiben“ und ist seit dem Schuljahr 2001/02 im Grundschullehrplan verankert.

Forschungsergebnisse werden unterdrückt

Die Mängel von LdS sind wissenschaftlich längst erwiesen. So gab das hessische Kultusministerium eine Untersuchung in Auftrag, die die Vorzüge der „Rechtschreibwerkstatt“ von Sommer-Stumpenhorst beweisen sollte. Doch die Untersuchung „Schriftsprach-Moderatoren“ – auch als „Marburger Studie“ bekannt – lieferte nicht das gewünschte Ergebnis. Unabhängigen Lehrern gelang es nämlich, in die Untersuchung eine Vergleichsgruppe aufnehmen zu lassen, die traditionell mit einer Fibel (mit dem Namen „Lollipop“) unterrichtet wurde.

Ende 2004 lagen die Ergebnisse vor: Der Anteil der rechtschreibschwachen Kinder lag in der LdS-Gruppe am Ende der 1. Klasse bei 16 Prozent, am Ende der 2. Klasse bei 23 Prozent. In der Fibel-Gruppe waren hingegen nach dem ersten Schuljahr sechs Prozent, nach dem zweiten sogar nur noch fünf Prozent der Schüler schwach in der Rechtschreibung.

Abhängige Forscher liefern erwünschte Gutachten

Eindeutige Ergebnisse, die das Hessische Kultusministerium jedoch zurückhielt. Statt dessen gab sie eine neue Untersuchung in Auftrag. Eine Arbeitsgruppe an der Universität Gießen um Professor Ulrich Glowalla sollte prüfen, wie gut sich Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten durch Sommer-Stumpenhorsts Methode verhindern lassen. Diese Studie konnte endlich das gewünschte Ergebnis bereitstellen, denn: „Professor Glowallas Ehefrau ist Geschäftsführerin der Lerndesign GmbH, die Material für die ‚Rechtschreibwerkstatt‘ herstellt und dieses über den Collishop von Diplom-Psychologe Norbert-Stumpenhorst im Internet vertreibt“, wie die Frankfurter Rundschau herausfand.

Daß sich Verlage und vermeintliche Pädagogen auf Kosten unserer Kinder und mit Hilfe der Kultusbürokratie bereichern und profilieren, wäre ein weitaus stärkerer Grund für einen „gerechten Zorn“. Diese Hintergründe erwähnte Schupelius allerdings nicht.

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