Ein seltsamer Gast – Teil I

Das Schöne an unserer Gegenwart ist, daß wir über Irrtümer aufgeklärt werden, auf die wir alleine nie gekommen wären. Seitdem es Geschichtsschreibung überhaupt gibt, ging man wie selbstverständlich von den alten Athenern als den Erfindern der Demokratie aus. Doch müssen wir uns heute fragen, ob das überhaupt stimmt. Denn stellen wir uns einmal vor, ein Mitglied der damaligen Bürgerschaft würde uns heute besuchen.

Begrüßen wir also den Athener in unserer Mitte und zeigen ihm unser Gemeinwesen. Voller Stolz heben wir an und wollen ihm die Errungenschaften unserer Zeit erläutern, von Menschenrechten und Demokratie, da wird er uns unterbrechen und fragen: Nach welchen Gesetzen ist euer Gemeinwesen verfaßt? Wer wählt bei euch die Beamten aus? Welche Arten von Bürgerversammlungen gibt es?

Verwundert über diese doch sehr spezifischen Fragen wollen wir ihm unser Grundgesetz erläutern und ernten selbst nur Verwunderung des Atheners. Bis wir begreifen, daß er sogar nur unsere Kommunalordnung meint. Etwas verschämt müssen wir einräumen, daß wir das eigentlich gar nicht so genau wüßten, auch nicht wer dort gerade als Beamter tätig sei und dergleichen mehr, aber das alles seien sicher fähige Leute.

Wer bekommt die Kinder?

Skeptisch blickt er uns an und wir fahren etwas verunsichert fort, ihm die Vorzüge unserer Gesellschaft zu erläutern. Schweigend hört er zu, nur einmal unterbricht er uns: „Bei euch machen Frauen den öffentlichen Dienst?“ ruft er verblüfft: „Und es gibt bei euch sogar Gesetze, die das fördern?“ Kaum wollen wir ihm die Frauenemanzipation näher bringen, fragt er uns: „Wer bekommt dann bei euch die Kinder?“

Wir geraten nun doch etwas ins Stocken und drucksen herum. Ja, tatsächlich sei dies momentan ein kleines Problem, aber dies bekäme man schon in den Griff. Wir schildern ihm nun weitere Herrlichkeiten unserer weltoffenen und toleranten Gesellschaft. Menschen unterschiedlichster Herkunft leben hier zusammen und verwirklichen ihre individuellen Lebensentwürfe. Wir haben das Glück verwirklicht. „Natürlich mit ihrer Mithilfe“, fügen wir gönnerisch hinzu.

An euch ist alles Krankheit

Kalt herrscht er uns an: „Haltet den Mund, ihr stehlt nur meine Zeit! Ihr seit ein erbärmlich verkommenes Gemeinwesen, das im Sterben liegt. Eure Gesetze interessieren mich nicht, denn an euch ist alles Krankheit. Geht mir aus den Augen.“ Schreckstarr starren wir ihn an. Dieser grobe Klotz soll die Grundlagen unserer großartigen Gesellschaft erfunden haben? Und wagt uns so zu beschimpfen?

Schon verblaßt die Gestalt des Atheners. Fröstelnder Zweifel packt uns plötzlich. Könnte es vielleicht sein …? Was ist, wenn dieser unverschämte Athener doch …? „Wartet!“ rufen wir der schwindenden Erscheinung hinterher: „Wir wollen euch etwas fragen.“ Die Gestalt gewinnt wieder etwas an Konturen und gelangweilt blickt uns der Athener an. „Was wollt ihr von mir wissen?“

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