Die asoziale Branche

Laut einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr führt der Versicherungsvermittler als unbeliebter Beruf die Hitliste an. Danach folgen mit Abstand erst die anderen dreckigen Berufsfelder – Politiker und Straßenkehrer. Die Versicherungsbranche wird meines Erachtens von den Deutschen aus zwei Gründen abgelehnt; zum einen haben die meisten Deutschen von Versicherungen überhaupt keine Ahnung – und zum anderen ist die Versicherungsbranche asozial.

Die Versicherungsbranche ist deswegen asozial, weil teilweise Menschen, die von Versicherungen keine Ahnung haben – nennen wir sie Versicherungsvertreter – anderen Menschen, die von Versicherungen auch keine Ahnung haben – nennen wir sie Versicherungskunden – Versicherungsverträge aufschwatzen. Diesen Satz am besten noch einmal verkürzt zum Verständnis; Menschen, die keine Ahnung haben, beraten andere Menschen, die auch keine Ahnung haben.

Natürlich sind nicht alle Versicherungsvertreter schwarze Schafe und natürlich sind nicht alle Versicherungskunden völlig ahnungslos. Aber was teilweise auch noch heute in der Gegend rumläuft, vorher knapp am Hauptschulabschluß vorbeigeschrammt ist und sich nun „Finanzberater“, „Vorsorgeoptimierer“ oder einen sonstwie erfundenen Titel sein eigen nennt, ist schon sagenhaft. Ohne großes Wissen kann man in der Versicherungs- und Finanzbranche viel Geld verdienen.

Blindes Vertrauen statt rationale Prüfung

Haben Sie Ihren Versicherungsvermittler schon mal gefragt, was für eine Qualifikation er hat, um Ihnen einen Ratschlag in der Altersvorsorge erteilen zu können? Oder ob er das komplexe Bedingungswerk des gerade vorgeschlagenen Versicherungsvertrages gelesen und verstanden hat? Nein, als Versicherungskunde vertraut man einfach blind, daß man hoffentlich gut beraten wurde.

Nur drei Prozent der Bundesbürger bringen dem Beruf des Versicherungsvertreters viel Achtung entgegen. Besser sieht es hingegen für die Arbeit als Bankkaufmann aus; dieses Berufsbild wird eher geschätzt. Zu Unrecht! Denn auch dort wird Ihnen eine Unfallversicherung mit garantierter Beitragsrückgewähr angeboten – eine Art legaler Betrug, auf den man auch bei seinem Bankberater nicht hereinfallen sollte.

Mit einem neuen freiwilligen Verhaltenskodex möchte der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft die Qualität der Beratung und des Vertriebs verbessern. Man solle zukünftig unter anderem nur noch im Interesse des Kunden handeln: „Beachtung des Kundeninteresses sowohl bei der Organisation des Vertriebes als auch bei der Beratung und Vermittlung“. Wie bitte? Darf man fragen, wonach denn sonst bisher gehandelt wurde?

Kodex mit leeren Worthülsen

Die Ziele des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft sind zwar schön und gut, erscheinen aber als leere Worthülsen. Denn es gibt immer noch zahlreiche Versicherungsunternehmen, die eng oder sogar ausschließlich mit Strukturvertrieben zusammenarbeiten. Und es gibt Versicherungsunternehmen, die Produkte anbieten, die darauf ausgerichtet sind, den Versicherungskunden zu übervorteilen. Und zu guter Letzt gibt es Versicherungsunternehmen, die Vermittlern überdurchschnittliche und damit völlig überzogene Provisionen anbieten, nur um ihre Produkte „an den Versicherungskunden“ zu bringen.

Jeder Bundesbürger benötigt Versicherungen – egal ob als Privatperson oder als Unternehmer. Vertrauen Sie Ihrem Versicherungsvermittler nicht blind, denn es geht um Ihr Geld! Welche Qualifikation hat er? Wieso kann er heute Bäcker und morgen Architekten und übermorgen Sie persönlich beraten? Hat er umfassende Kompetenz auf allen Gebieten? Bietet er nur Verträge der einen Gesellschaft an oder bietet er zahlreiche Gesellschaften an? Hat er einen guten Marktüberblick, wenn er Verträge mehrerer Gesellschaften anbietet? Bietet er Versicherungsvergleiche? Arbeitet er unabhängig wie ein Versicherungsmakler?

Die Stiftung Warentest und die Verbraucherschützer warnen seit Jahren vor den schwarzen Schafen in der Versicherungsbranche – doch deren Umsätze steigen weiter. Dem deutschen Versicherungskunden ist nicht zu helfen, man könnte meinen, er will betrogen werden.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles