E-Petition gegen „Deutsch ins Grundgesetz“

Die Gegenreaktion hat nicht lange auf sich warten lassen. Unmittelbar nach dem Ende der Zeichnungsfrist der E-Petition für den Verfassungsrang der deutschen Sprache hat der Petitionsausschuß des Deutschen Bundestags eine Gegenpetition zur Mitzeichnung freigegeben. Der Hamburger Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat die Gegenpetition eingereicht. Er hat sich zum Ziel gesetzt, mehr als die 5.165 Mitzeichner zu gewinnen, die der Verein Deutsche Sprache (VDS) für die Unterstützung seiner E-Petition mobilisieren konnte.

Da Stefanowitsch für seine Petition fleißig wirbt – im Gegensatz zum VDS, der sich bei der Öffentlichkeitsarbeit sehr zurückhielt und vor allem auf die Bild-Zeitung verließ –, wird es ihm wahrscheinlich auch gelingen, den VDS zu schlagen. Die E-Petition „Keine Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz“ haben in nur wenigen Tagen bis heute bereits über 1.600 Personen unterzeichnet. Stefanowitsch nutzt für sein strukturkonservatives Anliegen das Netzangebot der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ als Agitationsplattform. In seinem politischen Feldzug gegen die Sprachschützer – er nennt sie systematisch „Sprachnörgler“ – läßt er in seinem „Sprachlog“ schon einmal den „Anglizismus des Jahres“ küren; ein Versuch, an der medialen Aufmerksamkeit für Sprachkritik teilhaben zu dürfen.

Entsatzangriff für die steuerfinanzierten Sprachverwalter

Derartige Kampfansagen an die Sprachschützer sind neu. Sie wirken auf den Kolumnisten wie eine Art Entsatzangriff, der dem Zweck dienen soll, die staatlich finanzierten Sprachgesellschaften, die sich in sprachkritischer Untätigkeit eingeigelt haben, zu befreien. Eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts lobt denn auch Stefanowitschs angriffslustige Arbeit: „Wenn sich die Nörgler und Kritiker, die in deutschen Nachrichtenmagazinen Kolumnen schreiben oder Stiftungen zum Erhalt der deutschen Sprache betreiben, als Sprachschützer positionieren, dann muß man Stefanowitsch fast schon wieder als ‚Sprachbefreier‘ bezeichnen.“

Dabei nehmen beide Seiten für sich in Anspruch, die Vielfalt der Sprachen bewahren zu wollen. Auf der einen Seite wenden sich die Sprachschützer gegen die Verdrängung der Sprachen durch „Globalesisch“ als monokulturelle Einheitssprache. Auf der anderen Seite behauptet Stefanowitsch als Vertreter der Sprachwissenschaft allen Ernstes, daß die Verankerung von Deutsch als Staatssprache im Grundgesetz die sprachliche und kulturelle Vielfalt gefährde. Er unterstellt den Sprachschützern sogar, daß sie womöglich beabsichtigten, mit Verfassungsklagen gegen Minderheitensprachen wie Friesisch und Sorbisch vorzugehen. Natürlich gibt es in Deutschland niemanden, der so etwas ernsthaft anstrebt.

Die Mehrheit ist für die Grundgesetzerweiterung

Zu seinen Absichten erklärt Stefanowitsch: „Meine Petition dient einem klaren Ziel: Die 46.000 Unterschriften, die der VDS gemeinsam mit der Bild nach eigenen Aussagen gesammelt hat, dürfen nicht unwidersprochen als Mehrheitsmeinung der Bevölkerung stehen bleiben.“ Dabei verwechselt er die Petition mit einer Volksbefragung. Mehrere repräsentative Umfragen haben längst ergeben, daß mindestens zwei Drittel der Deutschen für eine solche Erweiterung des Grundgesetzes sind.

Bereits im September 2006 sprachen sich in einer TNS-Infratest-Umfrage für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel 78 Prozent der repräsentativ befragten Bürger dafür aus, Deutsch als Staatssprache im Grundgesetz zu verankern. Nach einer Emnid-Umfrage für Bild am Sonntag im Dezember 2008 waren 73 Prozent der Befragten dafür, den Satz „Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch“ ins Grundgesetz aufzunehmen. Einer repräsentativen Umfrage der Technischen Universität Dresden von Anfang 2009 zufolge waren 85 Prozent der Deutschen für eine Ergänzung des Grundgesetzes um die deutsche Sprache.

Befürworter und Gegner auf Facebook

Um seine E-Petition zu fördern, hat Stefanowitsch die Facebook-Seite „Kein Deutsch ins Grundgesetz“ ins Leben gerufen. Nun hat sie eine Entsprechung bekommen. Seit gestern abend gibt es nämlich im Gegenzug die Facebook-Seite „Deutsch ins Grundgesetz“, eingerichtet von der Deutschen Sprachwelt. Schon nach einem Tag hat die Dafür-Seite mehr Unterstützer als die Dagegen-Seite. Kein Wunder, denn die meisten sind eben dafür, daß die deutsche Sprache Verfassungsrang erhält. Sie auch?

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