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Das Märchen vom „Gesichtserker“

Es sei „die genialste Propagandalüge aller Zeiten“, sagte ein Sprachpfleger einmal. Seit 300 Jahren wird den Sprachschützern der „Gesichtserker“ als mißlungener Verdeutschungsversuch sozusagen um die Ohren gehauen, um einmal für das ganz Ärgerliche ganz bewußt ein ganz schiefes Bild zu wählen. Ausgerechnet am „Tag der Muttersprache“ vergangenen Montag wiederholte der Literaturkritiker Hellmuth Karasek ein anscheinend unausrottbares Märchen. Auf dem sonst recht gelungenen Kongreß der CDU/CSU-Bundestagsfraktion „Sprache ist Heimat“ schlüpfte er in die Rolle des Beschwichtigenden, des Besonnenen, des Belesenen. In Wirklichkeit war Karasek allerdings ein Märchenonkel, denn weit ist es mit seiner Belesenheit – auf denglisch heißt das ja neuerdings „Literacy“ – offensichtlich nicht her.

Karasek schwadronierte naseweis: „Ich denke [glaube], daß die deutsche Sprache eine wunderbare Sprache ist, die keine Beschützer braucht. […] Die deutschen Sprachgesellschaften im Mittelalter versuchten, das Lateinische auszuschließen. Sie übersetzten das Wort Nase, das wir als Fremdwort noch in dem Wort ‚nasal‘ erkennen, durch ‚Gesichtserker‘. Diese Eindeutschung hat sich […] Gott sei Dank nicht durchgesetzt. Man kann aber im Deutschen immer noch allen Sprachverbesserern gerne eine lange Nase drehen.“

Keine Sprachgesellschaft forderte jemals den „Gesichtserker“

An diesen Sätzen ist eine ganze Menge falsch. Fangen wir von vorne an: Erstens gab es im Mittelalter keine Sprachgesellschaften. Sie sind eine Erfindung der Neuzeit. Die erste Sprachgesellschaft, die „Fruchtbringende Gesellschaft“ entstand 1617. Zweitens gibt es keinen einzigen Beleg dafür, daß jemals eine solche Gesellschaft gefordert hätte, das Wort „Nase“ durch „Gesichtserker“ zu ersetzen. Drittens ist „Nase“ kein Fremdwort, sondern ein Erbwort, und hat mit dem lateinischen „nasus“ lediglich eine gemeinsame Wurzel. Das Wort „Erker“ hingegen ist aus dem nordfranzösischen „arquiere“ (Schießscharte) entlehnt, das von dem lateinischen „arcus“ („Bogen“) stammt.

Die Wortherkunft von „Erker“ und „Gesichtserker“ ist im sogenannten „Kluge“, einem etymologischen Wörterbuch, nachzulesen. Hätte Karasek doch einen Blick hineingeworfen! Dort steht, daß der „Gesichtserker“ nicht, wie oftmals behauptet, von dem Sprachreiniger Philipp von Zesen (1619 bis 1689) vorgeschlagen wurde. Der erste Beleg ist nach Kluge erst im Jahre 1795 bei dem Schriftsteller Friedrich von Matthisson zu finden.

„Risum teneas, carissime!“

Wir begeben uns auf Spurensuche. Matthisson veröffentlichte seine Erinnerungen als Reisebegleiter der Fürstin Luise von Anhalt-Dessau. (Zufälligerweise entstammt mit Fürst Ludwig das erste Oberhaupt der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ der Nebenlinie Anhalt-Köthen.) Matthisson hatte 1812 den dritten Band seiner Erinnerungen herausgegeben und darin einen auf 1795 datierten Brief an einen anderen Schriftsteller veröffentlicht.

In diesem Schreiben, in dem es mehr auf Anekdoten als auf Wissenschaftlichkeit ankommt, berichtet Matthisson von einem nicht namentlich genannten Puristen: „Dieser wollte nämlich das ehrliche, in jedem Familienkreise, besonders wo viele Kinder sind, täglich vielleicht mehr als zwanzigmal erschallende Nennwort Nase, der hochverpönten römischen Abstammung wegen, nicht als reindeutsch anerkennen, und brachte dagegen, risum teneas, carissime! das ganz unerhörte: Gesichtserker, in Vorschlag.“ Matthissons Erinnerungen erschienen in mehreren Auflagen. Möglicherweise begünstigten sie die unkritische Wiedergabe dieser Geschichte in den Nachschlagewerken und Enzyklopädien des 19. Jahrhunderts.

Ein unausrottbares Märchen

Auf diese Weise pflanzte sich das Märchen bis in die heutigen Tage weiter fort. Das ist auch die Erklärung dafür, daß Karasek, wie Zehntausende vor ihm, das Märchen einfach ungeprüft übernommen hat. So ist das Wort „Gesichtserker“ ein schönes Beispiel dafür, wie immer wieder voneinander abgeschrieben wird, ohne nach der Quelle zu fragen. Belustigenderweise taucht der Irrtum sogar in einem 2009 erschienenen Buch auf, das den Titel trägt: „1.000 Irrtümer der Allgemeinbildung – aufgedeckt und richtig gestellt“.

Selbst Professoren und Doktoren tragen das Märchen von Generation zu Generation weiter, freilich ohne dabei um ihren akademischen Grad fürchten zu müssen; etwa Frau Prof. Dr. Jutta Limbach, die ehemalige Präsidentin des Goethe-Instituts. Sie stellt in ihrem Buch „Hat Deutsch eine Zukunft?“ erfreut fest, daß das „gut eingebürgerte Fremdwort“ „Nase“ im Fremdwörterlexikon gar nicht mehr auftauche. So dient der „Gesichtserker“ schon seit Jahrhunderten unaufgeregten Zeitgenossen dazu, einen beschwichtigenden, besonnenen, belesenen Eindruck zu vermitteln.

Der „Gesichtserker“ als Bereicherung

Dabei ist der „Gesichtserker“ sicher älter als von 1795. So schreibt der Sprachpfleger Heinrich Braun 1772 in der Einführung zu seiner „Anleitung zur deutschen Dicht- und Versekunst“: „Es könnte gar wohl wiederum einige Mißgönner geben, welche die Haarkrebsen, Gesichtserker, Dachnasen und dergleichen in diesem Werkchen suchen werden.“ Braun wollte „wenigstens im Schreiben und Drucke eine Gleichförmigkeit mit den meisten übrigen deutschen Provinzen“ herbeiführen, wie er in seiner „Sprachkunst“ von 1761 schrieb. Damals wie heute ist so ein Anliegen in gewissen Kreisen verdächtig.

Unterdessen hat der „Gesichtserker“, der ursprünglich dazu ausersehen war, die Arbeit der Sprachschützer lächerlich zu machen, eine Lücke geschlossen und unseren Wortschatz bereichert. Häufig finden wir ihn nämlich nicht mehr im Einsatz als „Propagandalüge“, sondern einfach nur als scherzhafte Bezeichnung für einen eben besonders eindrucksvollen Zinken. Am Ende sind es doch die Sprachschützer, die den vermeintlich Besonnenen eine Nase drehen können.

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