Bin Ladens Tod – ein Grund zum Jubeln?

Osama bin Laden ist tot. US-Amerikaner feiern das wie den Sieg einer Football-Mannschaft. Und der Rest der Welt? Der Rest der Welt weiß nicht so recht. Da hat eine Spezialeinheit den Mann auf pakistanischem Boden gesucht, gefunden und exekutiert, den Leichnam direkt mitgenommen und kurz darauf auf See bestattet. Zappzarapp. Darf man das? Mit diesem Rätsel ist auch die Frage verbunden, ob man sich über seinen Tod freuen darf?

Immerhin war er innerhalb der westlichen Galaxis so etwas wie die Inkarnation des Bösen. In derselben Galaxie herrscht aber eigentlich auch der Anspruch auf eine Gerichtsverhandlung, auf ein Urteil, eine legitimierte Hinrichtung, vielleicht sogar auf lebenslange Haft. Die moralische Legitimität? Die Antwort auf diese Frage füllt Bibliotheken.

Die Macht kommt aus den Gewehrläufen

Wir dürfen aber festhalten, daß die US-Armee schlichtweg in der Lage war, Bin Laden so zu töten. Daß sie sowohl die Fähigkeiten, als auch die Macht hatte, und niemand ihnen dafür auf die Finger zu klopfen kann. Dieses Vorgehen zeigt, daß die Frage der Politik sich letztlich immer auf die Frage der Gewalt zurückführen läßt. Bin ich in der Lage dieses oder jenes zu tun? Kann ich das? Dann, so möchte man meinen, darf ich das auch.

Wenn ich die Macht habe, dann ist die Bindung an moralische Grundsätze immer eine Entscheidung. Und davor steht immer noch die Frage, welche moralischen Grundsätze gewählt werden. In der rhetorisch grandiosen Ansprache anläßlich der Exekution Bin Ladens hat Barack Obama keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er diesen Schlag als moralisch einwandfrei betrachtet.

Macht- und Moralfragen lassen sich nicht entkoppeln

Da die erdachte und ausformulierte Moral auf unendlich vielen Füßen steht, scheint sie fast beliebig zu sein. Schon die gegensätzlichen Ausdeutungen der Bergpredigt geben ein Gefühl davon. So scheint der Moral im Verhältnis zur Macht nur die Rolle des Werkzeugs zu bleiben, das die Folgen der Macht entweder legitimiert oder eben delegitimiert, wenn man auf der anderen Seite steht. Aber selbst dann bleibt es nur ein Machtmittel.

Das ist, wie so vieles, weder zu beklagen, noch zu bejubeln. Wer aber nicht Zeit seines Lebens im Dunkeln zu stochern möchte, um voller Zweifel das eine Mal hier und das andere Mal dort zu hadern, muß sich entscheiden. Für diese Moral, für jene Moral oder für die Flexibilität in Form der Bindung an die Macht. Wer anläßlich Bin Ladens Tod in einem Autokorso durch New York fährt und die „Stars and Stripes“ aus dem Seitenfenster hält, hat diese Entscheidung getroffen. Damit wäre dann auch das Rätsel gelöst, ob man sich über den Tod Bin Ladens freuen darf: Wenn ich mich für die passenden Seite entschieden habe, ja.

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