Ägypten und die DDR

Inzwischen bin ich dazu gekommen, mich ausführlicher in Medien über die Erhebungen zu informieren, die aktuell in den arabischen Ländern erstarken. Ich muß sagen, daß dadurch bei mir jegliche Zweifel verschwanden, ob man diese Erhebungen unterstützen sollte. Daß die totalitären arabischen Regime irgendwann hinweggefegt werden mußten, war mir ja klar, aber nun ist bei mir auch ziemlich stark die Skepsis verschwunden, daß etwa Ägypten vom Mubarak-Regen in die Muslimbrüder-Traufe schlittern könnte. Mit Sicherheit weiß man es natürlich nie, aber ich muß letztlich Henryk M. Broder recht geben: „Es kann alles schiefgehen im Leben, aber versuchen muß man’s.“

Die bisherige Einsicht von Informationen und vor allem viele Augenzeugenberichte, wie etwa die sehr lesenswerten Tagebuch-Einträge des Politologen Hamed Abdel-Samad, die ich am Sonntag der Berliner Morgenpost entnahm, erwecken bei mir einfach nicht den Eindruck, daß die Zeichen auf Islamismus stehen. Am Sonntag bestätigte Abdel-Samad diese Eindrücke noch einmal bei „Anne Will“, als er davon sprach, daß vereinzelte islamistische Stimmen sofort von der Menge gemaßregelt würden, und daß er sich an keine einzige verbrannte Israel-Flagge erinnern könne.

Ein besonders starkes Indiz aber scheint die sich ändernde Situation der Kopten in Ägypten zu sein. Der ehemalige Diplomat Jürgen Chrobog berichtet von Kopten, die mitten auf dem zentralen Tahrir-Platz beten, umringt von tausenden Muslimen. Noch Anfang Januar hatte es ein tödliches Attentat auf Kopten gegeben, das womöglich der Al Qaida zuzurechnen ist, und das die Befürchtung von sich noch stärker verschärfenden Spannungen zwischen Kopten und Muslimen weckte. Die Parallele zur Ajatollah-Revolution von 1978/1979 im Iran scheint nicht zu treffen.

Entwicklung in den arabischen Ländern blamiert Islamkritiker

Die Entwicklung in den arabischen Ländern blamiert im übrigen radikale Islamkritiker, die den Islam als automatisch totalitär ansehen und ihm partout die Fähigkeit zur Reform absprechen. Dies führt nun zu gequälten argumentativen Verrenkungen oder gar peinlichem Schweigen auf den einschlägigen Internetportalen. Was insofern bemerkenswert ist, da doch bislang immer behauptet wurde, daß man gar nichts gegen Muslime habe und schließlich voll auf der Seite der säkularen Muslime stehe.

Oft sind in diesen Tagen Parallelen zwischen dem Untergang der arabischen Despotien und der DDR gezogen worden. Auch Kanzlerin Angela Merkel fühlte sich an 1989 erinnert und mahnte in diesem Zusammenhang zu Geduld bei der Revolution. Tatsächlich gibt es viele weitere Parallelen, die Merkel & Co nicht bewußt sein dürften. Eine Parallele besteht in den beiden Kernfehlern, die der Westen in beiden Fällen gemacht hat: auf der einen Seite kneift er ängstlich vor den jeweiligen totalitären Regimen und läßt die Opposition im Stich. Auf der anderen Seite erteilt er nach Aussicht auf erfolgreiche Revolution aber sofort oberlehrerhafte Ratschläge, wie die Revolution vonstatten zu gehen hat – nämlich so, daß das Volk nach der Revolution „jeden Dreck, der aus dem Westen kommt“, kopieren muß, wie Walter Ulbricht gesagt hätte.

Bei der Debatte um die Unruhen scheinen sich zwei Lager gegenüberzustehen: die einen, die ein schärferes Einschreiten des Westens fordern, und die anderen, die mehr Achtung vor der nationalen Souveränität Ägyptens und der anderen Länder fordern. Doch beide haben recht, beides ist kein Widerspruch zueinander. Der Westen muß sich klarer gegen die Willkürherrschaft und damit auf die Seite der Demonstranten stellen, er darf aber für das „Wie“ der Umwälzungen keine Ratschläge erteilen. Ausgerechnet die aus der DDR stammende Merkel hat in beiden Punkten exakt das Gegenteil gemacht.

Demokratie und Freiheit sind nicht dasselbe

Es geht in der arabischen Welt aber natürlich nicht um „Demokratie“, sondern um die Absage an Totalitarismus und Despotie, um die Freiheit des Individuums und Rechtsstaatlichkeit. Daß diese Werte eben nicht zwangsläufig mit der „Demokratie“ gleichbedeutend sind, dafür mangelt es an westlichen Beispielen nicht. So viel begriffliche Genauigkeit sollte man sich dann doch nicht nehmen lassen!

Der Deutschland-Korrespondent von Al-Dschasira, Akhtam Suliman, hat am Rande eines Auftritts bei Maybrit Illner denn auch einige Sätze von sich gegeben, die wahrscheinlich beim westlich konditionierten Publikum kaum Beachtung fand, aber dennoch bemerkenswert sind: „Demokratie im westlichen Sinne ist ja egal. Hauptsache der Mensch läuft in Ägypten, in Tunesien, in anderen arabischen Ländern mit Würde. Nennen Sie es Demokratie, nennen Sie es sonstiges Theater – es ist egal, Hauptsache Würde.“

Falls es zu solch einem Staat mit Würde, aber ohne westliche „Demokratie“ kommen sollte, bin ich darauf gespannt, ob die deutsche Linke bei ihrer Haltung bleibt. In der Tat werden deutsche Gutmenschen jedenfalls wohl lange auf Frauenquoten in Kairo oder „Christopher Street Day“ am Nil warten müssen. Das ägyptische Volk sollte sich nicht einreden lassen, daß man automatisch dekadent, verkommen und westlich sein muß, wenn man liberal sein will.

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