Wer verharmlost hier eigentlich?

„Verharmlosung des Hitler-Faschismus“ – die stellvertretende Linkspartei-Chefin Katja Kipping hat den Bundespräsidentschaftskandidaten Joachim Gauck scharf angegriffen. Grund für diesen massiven Vorwurf ist dessen Totalitarismus-Antipathie, die angeblich nicht genügend differenziere.

„Herr Gauck vertritt in der Öffentlichkeit immer wieder eine Position, die auf eine Gleichstellung von Links und Rechts hinausläuft“, sagte Kipping in einem Gespräch mit der FAZ. Daher habe ihre Partei mit der ehemaligen Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks, Lukrezia Jochimsen, eine eigene „wunderbare Kandidatin“ aufgestellt.

Wenn für Kipping bereits diese angebliche „Gleichstellung von Links und Rechts“ eine Verharmlosung nationalsozialistischer Leichenberge gegenüber den sozialistischen darstellt, dann stellt sich die Frage, wie sie dann die Haltung der folgenden Person nennen würde.

„Übermaß an Familienhaftigkeit“

Diese Person hat sich Anfang der sechziger Jahre die Frage gestellt, wieso Roma und Sinti nach Jahrhunderten der Wanderschaft nun auf einmal endlich dabei seien, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.

Die Antwort ist so einfach wie brutal. Durch die Jahrhunderte der Verfolgung habe sich eine ausgesprochen starke Familienbindung entwickelt – die Person spricht von einem „Übermaß an Familienhaftigkeit“, einem „Familienabsolutismus“ – die bisher jegliche Integration verhindert hätte.

Ansiedlungsversuche durch den Staat beispielsweise, bei denen Einzelfamilien über das Land verteilt wurden, scheiterten: Denn „die voneinander getrennten Familien zogen nach kurzer Zeit wieder zusammen.“ Die „Zigeunergruppe in Deutschland“ besaß dadurch „jahrhundertelang den Charakter einer Monokultur“.

Emanzipation durch nationalsozialistische Vernichtungslager?

Erst im Nationalsozialismus wurde dieser „circulus vitiosus“ durchbrochen. „Die Familien wurden auseinandergerissen, entweder durch Verschickung in verschiedene Konzentrationslager oder dadurch, daß ein Teil der Familienmitglieder den Strapazen oder Gaskammern zum Opfer fiel.“

Könnte diese Ausrottung deshalb auch positiv gesehen werden, denn „die alle Anpassung verhindernde Herrschaft der Großfamilie, des Sippenverbands über den Einzelnen wurde zum größten Teil zerstört“?

Ja, tatsächlich sei hier eine Emanzipation durch die nationalsozialistischen Vernichtungslager erfolgt: „So wurde in den Konzentrationslagern, so paradox das auch klingen mag, der Zigeuner als Individuum freigesetzt.“

Dissertation „Zigeuner heute“

Diese angeschobene Modernisierung müsse für die Gegenwart fortgeführt werden: „Hilfsmittel für einen auf Dauer abgestellten langsamen Übergang in die sie umgebende Gesellschaft stellen die Massenkommunikationsmittel wie Film, Rundfunk und Fernsehen dar.“

Was den vom nationalsozialistischen Regime traumatisierten Rest betrifft, gibt sich die Person „überzeugt“, „daß ein Teil der Wohnwagenlagerzigeuner in der Lage wäre, sich verhältnismäßig schnell anzupassen, wenn vereinzelte Familien, nicht größere Gruppen, in einer normalen Umgebung wohnen würden.“

Nun, die Person, von der diese Passagen stammen, ist niemand anderes als Jochimsen selbst. Sie hat diese sozialplanerische Machtphantasie in der 1963 erschienenen Dissertation „Zigeuner heute“ veröffentlicht. Das wirft einige Fragen auf. Beispielsweise, was das verhinderte Staatsoberhaupt wohl unter Integrationspolitik versteht, wenn angeblich erst NS-Vernichtungslager die Assimilation von Zigeunern ermöglichten.

„Neuen Menschen“ erzeugen

Vor allem aber wirft es die Frage auf, wie es die Linkspartei wagen kann, anderen „Verharmlosung des Hitler-Faschismus“ vorzuwerfen. Denn eine „Gleichstellung“ schafft die Linkspartei doch offensichtlich von ganz alleine.

Für schwerhufige Denker die Conclusio noch einmal: Seitdem sich die erste Verwirklichung des materialistischen Sozialismus durch ihre Leichenberge diskreditiert hatte, sind stets aufs neue verschiedene Sozialismen aufgetreten, die immer wieder das Paradies auf Erden versprachen.

Der Nationalsozialismus war eine dieser Spielarten. Die Grundidee aber, durch äußere Druckmittel einen „Neuen Menschen“ erzeugen zu können, bleibt gleich. So kann man auch mal – aus Versehen – auf den „Hitler-Faschismus“ als sozialrevolutionäres Element gelangen.

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