Spielzeugfreier Kindergarten

Kindergarten macht Spaß? Das war einmal. Heute beginnt der Ernst des Lebens im Kleinkindalter. Wenn Vater und Mutter arbeiten müssen und Vater Staat immer stärker in die Rolle des Erziehers schlüpft, wandeln sich die Ansprüche. Gefragt ist zum einen die Verwahranstalt, zum anderen die Manipulationsanstalt.

Einerseits sollen die arbeitenden Eltern entlastet und andererseits die Kinder zu braven Staatsbürgern erzogen werden. Der Staat verläßt sich in seiner Elternrolle auf ein Heer von Ideologen, die an den Kindern verdienen und daher ständig neue Erziehungsprogramme entwickeln müssen. Nur an die Schwächsten wird zuletzt gedacht: an die Kinder.

Der Anruf einer Bekannten aus Nürnberg macht mich auf ein Manipulationsprogramm aufmerksam, das ich bislang noch nicht kannte. Die verstörte Mutter, die notgedrungen arbeiten gehen muß, berichtet, daß ihr Sohn nun acht Wochen lang einen „spielzeugfreien Kindergarten“ durchmachen mußte.

Es war die Hölle. Die Kinder langweilten sich ohne Ende, wollten am liebsten zu Hause bleiben. Da in der Großstadt Kindergartenplätze rar sind und niemand einspringen konnte, mußte der Junge das ganze Programm mitmachen.

Ein staatlich gefördertes Entzugsprogramm

Unbestrittenerweise ist es ganz vernünftig, Kinder nicht mit Spielzeug zu überfrachten. Ein Kind, dessen Kinderzimmer mit Spielsachen vollgestopft ist, wird durch das dauerhaft hohe Angebot überfordert. Als Hilfsmittel, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen und sich geistig anregen zu lassen, ist Spielzeug jedoch unerläßlich. Und so schüttet die Radikalkur, die empfiehlt, den Kindergarten drei Monate lang von sämtlichen Spielsachen zu befreien, das Kind mit dem Bade aus.

Erfunden wurde der „spielzeugfreie Kindergarten“ 1992 von zwei Sozialpädagogen in Oberbayern. Sie versprechen das Blaue vom Himmel herunter. Nicht nur würden Mädchen und Jungen nicht mehr getrennt voneinander spielen (Geschlechtergerechtigkeit!), auch deutsche und ausländische Kinder würden sich stärker miteinander beschäftigen. Vor allem aber diene der „spielzeugfreie Kindergarten“ der „Suchtprävention“.

Die von den Kindern erworbenen „Lebenskompetenzen“ seien „Schutzfaktoren“ gegen Sucht. Die Erzieherinnen müßten lediglich eine zurückhaltende Beobachterposition einnehmen und dürften auf gar keinen Fall Angebote machen. Mit diesen tollen Versprechungen, die genau auf den Zeitgeist zugeschnitten sind, haben die Sozialpädagogen durchschlagenden Erfolg: Die „Aktion Jugendschutz“, die das Programm propagiert, wird staatlich gefördert. Hunderte Kindergärten haben es bereits angewendet.

„Eine Form von Kindesmißhandlung“

Die Tatsache, daß die Versprechungen durch keine wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt sind, spielt dabei keine Rolle. Für den Fall, daß sich Eltern gegen diesen Unsinn wehren, gibt es sogar Handreichungen, wie Erzieherinnen den Protest wirkungsvoll abbügeln können. Psychologen hingegen, die sich mit dem „spielzeugfreien Kindergarten“ wissenschaftlich auseinandergesetzt haben, stellten fest, daß die Kinder einer starken Streßsituation ausgesetzt werden.

Der Passauer Psychologieprofessor Hans Mogel meint sogar, der Spielzeugentzug sei „eine Form von Kindesmißhandlung“. Es komme zu einer sogenannten „Deprivation“, also zu Entbehrungen, die seelische und psychosomatische Störungen hervorrufen können. Der Kölner Pädagogikprofessor Hans-Rudolf Becher empört sich: „Spielzeug über einen festen Zeitraum zu verbieten ist ein unpädagogisches Zwangsmittel“.

Doch mit dem Segen des Staates werden Kinder zu Versuchskaninchen gemacht. Die guten Kindergärten erkennt man allerdings heute daran, daß die Erzieherinnen ihre eigene Meinung bewahren, sich auf ihre Erfahrung verlassen, zuerst an die Kinder denken und nicht jeden Blödsinn mitmachen, den sich Ideologen ausgedacht haben, selbst wenn er staatlich gefördert wird.

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