Gummibären-Pathos

Es schwarz-rot-göldet in den Kaufläden: die Fußball-Weltmeisterschaft naht! Wohl nie zuvor gab es so viele Handelsartikel in den Nationalfarben – von der „Special edition“-Duschseife „Dusch-Meister“ von „dusch das“ („macht das Warten auf den ersten Wasserstrahl so spannend wie die Vorbereitung auf einen Elfmeter“) bis zu den „Schwarz-Rot-Goldbären“ von Haribo. Die nationale Bedeutung der Goldbären war schon unserem Kaiser Wilhelm II. bewußt: „Die Gummibärchen aus Bonn sind das Beste, was die Weimarer Republik hervorgebracht hat“, soll er gesagt haben.

Wie aufgesetzt dieses nationale Gummibären-Pathos ist, verdeutlicht ein Blick auf die in Deutschland angebotenen Erzeugnisse des deutschen Unternehmens Haribo. Denn auch die Bonner Bärchen sprechen inzwischen hauptsächlich Englisch. Wir können hierzulande „Berries“, „Happy Cherries“, „Fresh Cola“, „Fruity Bussi“, „Lite“ oder gar den „Football-Mix“ kaufen. Für die Unterstützung des Bundestrainers käme hier höchstens eine Packung „Jogi-Bussi“ in Frage.

Wirklich wichtig ist jedoch das Sammelalbum zur Weltmeisterschaft. Nun heißt es wieder fleißig duplo, hanuta oder Kinder-Riegel mampfen, um die 42 Sammelbilder von unserer Nationalmannschaft zusammenzubekommen. Doppelte Bilder werden selbstverständlich aufbewahrt, um sie auf dem Schulhof tauschen zu können. Das von Ferrero in Zusammenarbeit mit der kicker-Redaktion gestaltete Heft ist nett gemacht. Dem Sprachfreund sträuben sich allerdings bereits die Haare, wenn er den Titel des Sammelalbums entziffert.

„Ein Löw statt Three Lions!“

Was glauben denn die Macher, was Fußballanhänger schreien, wenn Miroslav Klose das Leder im Netz versenkt? Jeder vernünftige Mensch würde antworten, der alle einende Jubelruf laute „Tooooor!“ Weit gefehlt, zumindest wenn es nach Ferrero und kicker geht! Das Sammelalbum, das verspricht „alles über die deutsche Mannschaft vor der WM in Südafrika“ zu bieten, heißt, man faßt es nicht: „Goal!“.

So steht es in großen Buchstaben auf der Titelseite. Die deutsche Entsprechung „Tor!“ wäre wohl zu kurz gewesen, hä? Folglich bietet das Heft keine Tatsachen oder Fakten, sondern „Facts“, und die Sammelbildchen heißen „Team-Sticker“. Hat da jemand vielleicht zu viele Kopfbälle gemacht und die deutsche Mannschaft mit der englischen verwechselt?

Das erste Eigentor haben wir also schon wieder einmal geschossen, bevor das Turnier überhaupt angefangen hat. Mit Grauen erinnern wir uns daran, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Europameisterschaft 2008 den deutschen Nationalspielern „im Namen aller“ auf englisch „Good luck“ gewünscht hatte. Dagegen geben wir auch diesmal wieder das Motto aus: „Ein Löw statt Three Lions!“

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