Duell zweier Konzilstheologen

Die beiden jüngsten Theologen, die am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) teilnahmen, sind heute beide noch am Leben und interpretieren dieses Konzil äußerst unterschiedlich. Schon mehrfach haben sich der Schweizer Theologe Hans Küng und der heutige Papst Benedikt XVI. in der Öffentlichkeit ein verbales Duell geliefert. Auch die in den jeweiligen Buchveröffentlichungen vertretenen Standpunkte sind oftmals geradezu konträr.

In der vergangenen Woche hat dieses Duell einen neuen Höhepunkt erreicht. Am Donnerstag, einen Tag vor Benedikts 83. Geburtstag, veröffentlichte der um ein Jahr jüngere Küng in zahlreichen europäischen Zeitungen (Süddeutsche Zeitung, Neue Züricher Zeitung, La Repubblica, El Pais, Le Monde) einen offenen Brief an alle Bischöfe, in dem er zum Widerstand gegen den Papst aufrief.

Hans Küng, dem 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde, sieht das letzte Konzil der katholischen Kirche als einen radikalen Bruch mit ihrer 2000jährigen Tradition. Hier seien neue Weichenstellungen erfolgt, doch seien seither noch zu wenig neue Wege beschritten worden. So fordert er ein Umsetzen der Reformen sowie nochmals ein neues Konzil.

Hingegen ist es das Anliegen des derzeitigen Papstes, aufzuzeigen, wie besagtes Konzil in Kontinuität die Glaubensverkündigung weiterführt und eine Erneuerung nur geschehen kann durch eine Besinnung auf das traditionelle geistige Erbe der Kirche.

Scharfsinniger Verstand und tiefer Glauben

Vor seiner Wahl zum Papst am 19. April 2005 hat Kardinal Joseph Ratzinger gerade dieses als Programm verkündet: „Eine klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint.“

Fünf Jahre danach ist klar: Dieser Mann mit seinem scharfsinnigen Verstand und seinem tiefen Glauben war die richtige Wahl für unsere Zeit. Unbeirrt hat er die Botschaft des Glaubens verkündet und sich weltweit große Anerkennung erworben. Die Besucher der Audienzen auf dem Petersplatz haben sich gegenüber den letzten Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. verdoppelt.

Die Bischöfe Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sind begeistert von dem intellektuellen und weitsichtigen Papst aus Deutschland. Nur in seiner Heimat wird der Mann, der schon früher als „Panzerkardinal“ diffamiert wurde, weiterhin geschmäht.

Küng vermißt im bisherigen Pontifikat das Zugehen auf die anderen Weltreligionen und auf die Evangelische Kirche, mit der er sich ein gemeinsames Abendmahl wünscht. Er übersieht, daß auch Vertreter anderer Religionen den Papst sehr schätzen, da er keine nebulöse Sprache pflegt und gerade durch seine klare Begrifflichkeit den echten Dialog fördert.

Annährung an die Orthodoxie

Auf die Evangelische Kirche zuzugehen ist schwierig, da diese unterschiedliche Bekenntnisse vereint und sich über weite Strecken vom biblischen Fundament entfernt hat. Demgegenüber ist unter Benedikt eine Annäherung an die Orthodoxie erfolgt. Außerdem hat er die Versöhnung mit der Piusbruderschaft und mit den traditionstreuen Anglikanern einen entscheidenden Schritt weiter gebracht.

Auch die weiteren Anschuldigungen in Küngs offenem Brief, welche die Sexualmoral und die Mißbrauchsskandale betreffen, greifen ins Leere. Gerade der heutige Papst hat sich schon zu Kardinalszeiten wie kaum ein anderer im Vatikan gegen eine Strategie der Vertuschung gewandt und eine geistige Erneuerung der Kirche gefordert.

Hans Küng will eine andere Kirche und sein offener Brief ist lediglich ein Versuch, die derzeitige Stimmungslage für private Interessen auszunutzen. Schon seit Jahren kursiert folgende Scherzfrage: Wissen Sie warum Hans Küng niemals Papst werden wollte? – Er wäre dann nicht mehr unfehlbar!

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