Freiheit für Wolfsrudel, Fenster für Kühe

Aus europäischer Perspektive liegt Finnland „hinter Gottes Rücken“, wie man in meiner Heimat zu sagen pflegt. Schließlich ist das Land nicht nur geographisch gesehen in der Peripherie, sondern zugegebenermaßen auch weltpolitisch eher eine Randfigur.

Unbedeutend ist Finnland offenbar auch für die Europäische Union – was sich in vielen Entscheidungen und Regelungen zeigt. Wen kümmert schon, was ein Völkchen von fünf Millionen irgendwo am Ende der Zivilisation so denkt.

Kommt zu dieser Gleichgültigkeit gegenüber Finnland noch der Gleichheitswahn der EU hinzu, entstehen die absurdesten Regulierungen und Direktiven, die wohl nur in Brüssel und Straßburg logisch erscheinen. Zumindest sind viele von ihnen ungeeignet für die nordischen Breitengrade meiner Heimat.

Weil die EU das so haben will

Ein Beispiel für solche nutzlosen Regulierungen ist das Tierschutzgesetz, das überall in der EU gleich ist, egal ob eine Tierart in einem Land bedroht ist, sich in einem anderen aber dagegen rasend vermehrt. Wölfe dürfen beispielsweise in ganz Europa nicht gejagt werden und stehen unter einem besonderen Schutz des Gesetzes – weil die EU das so haben will.

Doch seit es die strengen Auflagen der Europäischen Union gibt, hat der Wolfsbestand in Finnland so zugenommen, daß er zu einem echten Problem geworden ist. Vor allem deshalb, weil die Wölfe mit den zahlreichen Bären und Luchsen, die ebenfalls kaum noch gejagt werden dürfen, um das immer knapper werdende Futter kämpfen müssen.

Das Resultat: Die Wolfsrudel nähern sich immer mehr den Menschen, verlieren ihre Scheu, reißen Vieh und verbreiten Angst. Vor allem Eltern in ländlichen Gegenden sorgen sich um ihre Kinder.

Jahrhunderte alte Bauernhöfe stillgelegt

Mein Großcousin, der in Mittelfinnland einen Biobauernhof betreibt, hat zwar keine Probleme mit Wölfen, kann aber trotzdem ein Lied von irrsinnigen EU-Direktiven singen. Vergangene Woche mußte er beispielsweise mehrere zusätzliche Fenster in seinen Kuhstall einsetzen – wegen eines EU-Gesetzes über Biobauernhöfe. Dieses schreibt vor, daß ein Biokuhstall über eine Gesamt-Fensterfläche verfügen muß, die mindestens zwanzig Prozent seiner Bodengröße entspricht.

Das klingt zwar logisch und notwendig, ist es aber nicht. Denn Biokühe können tagsüber selbst entscheiden, ob sie sich drinnen oder draußen aufhalten (übrigens auch eine Direktive). Der Stall ist nämlich offen und deshalb sind die Kühe meistens sowieso im Freien. Und die Fenster? Durch die können sie nachts den schönen Mondschein bewundern, schertzte mein Verwandter.

Doch das Lachen ist den meisten finnischen Bauern längst vergangen: Ein Drittel von ihnen hat seit dem EU-Beitritt 1995 Finnlands ihren traditionsreichen Beruf aufgegeben und die teils Jahrhunderte alten Bauernhöfe stillgelegt. Sie konnten der billigeren und höher subventionierten Konkurrenz anderer fruchtbarer EU-Gebiete nicht mehr standhalten. Nur die größten Höfe und die spezialisierten Biobauern haben überlebt. Alle anderen konnten die aufwendigen Anforderungen und Auflagen der EU in ihrem Arbeitsalltag einfach nicht erfüllen.

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