Dien Bien Kundus

„Ein Jahr, dann sind wir da wieder raus, haben wir damals gedacht. Da haben wir uns gründlich getäuscht.“ Der sich da als gescheiterter Blitzkrieg-Stratege zu erkennen gibt, ist nicht etwa ein Generalstäbler vom OKW, sondern kein anderer als Peter Struck, SPD-Fraktionschef, als Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001 die „uneingeschränkte Solidarität“ mit den Vereinigten Staaten verkündete und der Bundestag den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan beschloß.

Der Spiegel hat, für seine aktuelle Ausgabe, die „alten Krieger“ interviewt, die „Väter der deutschen Auslandseinsätze und der Beteiligung Deutschlands am Afghanistan-Krieg“, und dabei bemerkenswerte Einsichten zutage gefördert. Kohls Verteidigungsminister Volker Rühe etwa zerreißt die „Struck-Doktrin“ von 2002 in der Luft:

„Deutschlands Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt? Diese Begründung ist falsch und gefährlich!“ Denn „die Taliban haben eine regionale Agenda. Wie übel sie auch sind: Sie wollen nicht Hamburg und New York angreifen.“ Und die 9/11-Terroristen hätten das Konspirieren und Flugzeuge-Fliegen auch nicht im vermeintlichen „Terrornest“ Afghanistan gelernt, sondern in Deutschland und den Vereinigten Staaten.

Mit großen Worten und hehren Zielen an den Hindukusch geschickt

Es sei also falsch, dortzubleiben und hunderttausend Soldaten als Anschlagsziel, als „eine Art World Trade Center […] frei Haus“ in Afghanistan zu lassen. Warum dann nicht abziehen? Rühe: „Wenn wir da ungeordnet davonlaufen, wenn wir Bilder kriegen wie Saigon, wie in Vietnam, dann beschädigt das die Nato.“

So ist das also. Unsere Soldaten, die mit großen Worten und hehren Zielen an den Hindukusch geschickt werden, kämpfen und fallen dort in Wahrheit nur noch, um einigen politisch Verantwortlichen, die längst wissen, daß ihr Unternehmen gescheitert ist, noch etwas Zeit zu erkaufen für einen eleganten Abgang. Sie sollen für die Gesichtswahrung von Politikern bluten, die nicht zugeben können, eine Fehlentscheidung getroffen zu haben.

Das erinnert weniger an das Vietnam-Trauma der Vereinigten Staaten als an dessen Vorspiel, den Indochinakrieg der Franzosen: Obwohl die Entscheidung zum Rückzug aus Südostasien längst gefallen war, verheizte die französische Führung im Frühjahr 1954 noch die Blüte ihrer Legionäre und Paras, unter ihnen viele patriotisch begeisterte Freiwillige, um das endgültige Scheitern des Desaster-Unternehmens Dien Bien Phu wenigstens bis nach dem Beginn der Unabhängigkeitsverhandlungen mit den Vietminh hinauszuzögern und nicht als gar zu trauriger Verlierer dazustehen.

Nicht einmal das ist damals übrigens gelungen. Statt dessen wurde der Groll der Soldaten, die sich in ihrer Opferbereitschaft für einen Auftrag, der schon längst nicht mehr ernst gemeint war, von den Politikern betrogen und im Stich gelassen fühlten, zur schweren Hypothek für die Republik.

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