Das Gewaltmonopol der „Auschwitz-Keule“

„Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“, wetterte der Schriftsteller Martin Walser in seiner legendären Rede in der Frankfurter Paulskirche vor mehr als einem Jahrzehnt. Seitdem scheint „die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ eher noch zugenommen zu haben.

Gewiß, wer noch einen Funken moralischer Rechtschaffenheit gegenüber den Opfern empfindet, wird die Verwendung der „Auschwitz-Keule“ häufig als infamen Jahrmarkt der Eitelkeiten auf einem entweihten Grab empfinden, dem gegenüber sich eher respektvolles Schweigen geziemt. Allein, Auschwitz wurde inzwischen als „Gründungsmythos der Bundesrepublik“ gesetzt, und man muß nun damit umgehen, ob man will oder nicht.

Politische Mythen werden von Menschen benutzt, und Menschen werden von politischen Mythen benutzt: im Guten wie im Schlechten, im Großen und im Lächerlichen – man kann sich ihnen überhaupt nicht entziehen. Und je gewaltiger ein solcher Mythos herrscht, desto verführerischer ist es, sich seiner Wirkung zu bedienen. Ein omnipotenter Bezugsrahmen für jedermann, man muß nur die Hand ausstrecken.

Ein politischer Mythos für jedermann

Erst vor wenigen Tagen hatte sich ein Bekannter – sonst alles andere als ein Anhänger von NS-Vergleichen – bei der Deutschen Bahn über das katastrophale Versagen der S-Bahn im Berliner Berufsverkehr beschwert. „Die Zeiten, in denen Menschen in Deutschland wie Vieh in Waggons eingepfercht wurden, sind endgültig vorbei“, schnarrte er ins Telefon. Durfte er das, als Deutscher, bei der Deutschen Bahn mit ihrer Vergangenheit?

Erhellend wirkt hier der Blick auf Israel, welches sich ähnlich wie die Bundesrepublik auf „Auschwitz als Gründungsmythos“ bezieht. In der Tat ist es in Israels sehr polemischer Innenpolitik normal, den jeweiligen Gegner als Lagerkommandanten zu verunglimpfen, während man sich selbst in die Position des potentiellen Opfers rückt. Allerdings gehört der Mythos allen Staatsbürgern. Rechte beschimpfen Linke und Linke beschimpfen Rechte.

In einer gesunden Demokratie hegen Verstand und guter Geschmack die Verwendung des politischen Mythos ein. Problematisch wird es allerdings, wenn sich eine politische Gruppe als alleiniger Hüter geriert und die Definitionsmacht von Gut und Böse an sich reißt. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, und eine konkurrierende Gruppe sieht sich der Gewalt des Mythos hilflos ausgeliefert, was faktisch das Ende der Demokratie darstellt. Eben jenes zeichnet sich in Deutschland überdeutlich ab.

Monopolisierung der Definitionsmacht

„Bomben-Holocaust“ hatte die NPD die Bombardierung Dresdens genannt. Eine beleidigende Relativierung von NS-Verbrechen, fauchte es dazu aus den Reihen von SPD und Grünen. Mit der Folge, daß heutzutage jeder, der die systematische Einäscherung deutscher Städte als planmäßigen Völkermord einschätzt, sich den Vorwurf der „Volksverhetzung“ gefallen lassen muß – völlig unabhängig davon, wie er zu der radikalen Splitterpartei steht.

Aber als der Grünen-Politiker und damalige Außenminister Joseph Fischer von einem „neuem Auschwitz“ im Kosovo fabulierte, welches bei nüchterner Betrachtung ungefähr so realistisch war wie die Existenz gewisser Massenvernichtungswaffen im Irak, und mit eben dieser fragwürdigen Begründung einen eindeutig völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Serbien lostrat, da soll dies alles wohl nicht volksverhetzend gewesen sein?

Nichts begründen, nichts erläutern, nichts entgegnen: einfach nur politische Gegner definieren, entmenschlichen und sie vernichten, ohne daß man ihnen auch nur eine Chance auf Verteidigung coram publico zubilligen muß. Wahrlich ein verführerisches Instrument für denjenigen, der von jedem politischen System begeistert ist, solange er das kleine bißchen Macht nicht teilen muß, das er in den Händen hält. Ist es so verwunderlich, daß Auschwitz um so größer wirkt, je mehr unsere Demokratie entschwindet?

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