Zäpfchenbomben

Das Böse ist immer und überall. Oft sind es die kleinen Meldungen, die den allzu sorglosen Bürger aufschrecken lassen: Der französische Geheimdienst warnt vor „Zäpfchenbomben“. Welche Teufelei mag da dahinterstecken?

Es geschah am 27. August. Da sprengte sich ein gesuchter Terrorist direkt neben dem stellvertretenden saudischen Innenminister Prinz Mohammed Bin Najef Bin Abdel Asis in dessen Villa in Dschidda in die Luft. Der für die Terrorabwehr zuständige Vizeminister wurde nur leicht verletzt. Aber wie konnte der Selbstmordattentäter an allen Sicherheitskontrollen vorbeikommen?

Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI (Direction centrale du renseignement intérieur) steckte es dem Figaro: Die Bombe war im Körper versteckt, wo sie mit herkömmlichen Detektoren nicht aufgespürt werden konnte. Ein Pfund Sprengstoff im Darm des Attentäters, mit einem Mobiltelefon gezündet.

Nun scheint die Wirkung einer solchen „Arschbombe“, wie ein Nachrichtenportal despektierlich schreibt, allerdings eher limitiert zu sein. „Es sind nur wenige hundert Gramm Sprengsstoff, und der Körper besteht zum größten Teil aus Wasser, und das dämpft die Wucht der Detonation”, wird ein Terrorabwehrexperte zitiert.

Krater im Fußboden

Da hilft es dann auch nicht viel, daß der Attentäter angeblich vierzig Stunden vor dem Anschlag nichts gegessen hatte, um die Kraft der Explosion nicht noch mehr zu mindern. Wird der natürliche Ausgang zudem nicht ordentlich verdämmt, entlädt sich die ganze Wucht nach unten; das mag erklären, daß die Explosion zwar den Attentäter in zwei Teile zerriß und einen Krater in den Fußboden der Prinzenvilla schlug, dem Vizeminister selbst aber sonst wenig anhaben konnte.

Wird das Beispiel von Dschidda Schule machen? Werden sich tatsächlich Nachfolger finden, die sich ausgerechnet auf diese Weise ihren Platz bei Allah und den siebzig Jungfrauen erobern wollen? Stimmt die Geschichte überhaupt, oder hat nicht vielleicht doch der Sicherheitsdienst geschlampt und einen Sprengstoffgürtel übersehen? Gleichviel, al-Qaida ist schließlich zu allem fähig. Die stets sich anbietenden Experten rufen schon nach „Konsequenzen“ für die Anti-Terror-Maßnahmen an Flughäfen.

Das hört sich freilich noch alarmierender an als die Nachricht von der neuen Attentäter-Masche. Schließlich hat ja die auch eher exotische Möglichkeit, Flüssigsprengstoff in Babyfläschchen oder Parfümzerstäubern an Bord zu schmuggeln, die EU-Kontrollfanatiker schon auf die Idee gebracht, unionsweit die Mitnahme von Flüssigkeiten im Handgepäck zu verbieten.

Röntgenuntersuchungen für alle Passagiere?

Im französischen Innenministerium, meldet Le Figaro, soll man bereits darüber nachdenken, das Mitführen von Mobiltelefonen an Bord, mit denen man solch eine „Zäpfchenbombe“ zünden könnte, generell zu verbieten. Steht dann also künftig an den Sicherheitsschleusen neben der Plastiktonne zur Ablieferung versehentlich mitgenommener Brauseflaschen auch noch ein Recyclingbehälter, in dem eilige Manager, die nur mit Handgepäck reisen, ihre fahrlässig mitgeführten Blackberrys und iPhones entsorgen können?

Nicht einmal die von den Amerikanern eingesetzten „Nacktscanner“ übrigens, die den durchleuchteten Fluggast auf dem Bildschirm ausziehen und deren EU-weite Einführung letzten Oktober nach wütenden Bürgerprotesten erst mal auf Eis gelegt wurde, sind in der Lage, solch eine hinterhältige „Zäpfchenbombe“ im Körper zu erkennen.

Man bräuchte also im Grunde völlig neue Technologien für die Fluggastkontrollen, frohlocken überwachungswütige Sicherheits-„Experten“ im Glauben an die Allmacht prophylaktischer Maßnahmen. Routine-Röntgenuntersuchungen für alle Passagiere zum Beispiel.

Frankreichs Innenminister Brice Hortefeux findet das derzeit noch „un peu trop“ – etwas übertrieben. Dennoch hat er angekündigt, ausländische Passagiere, die nach Frankreich fliegen wollen, künftig bereits beim Kauf des Flugscheins genauer zu kontrollieren. Wie genau, das mag man sich angesichts der neuen Dimension von Terrorgefahr und raffinierten Sprengstoffverstecken lieber nicht so detailliert ausmalen.

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