Wolfgang Venohr, Kriegsschuld und die Deutschen in Polen

Die Debatte um die Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird nicht die Tatsache verstellen, daß das NS-Regime bei der Besetzung Polens nach dem 1. September eine widerwärtige Unrechtsherrschaft entfaltete.

Wolfgang Venohr, dessen Lebenserinnerungen die JUNGE FREIHEIT verlegte, schildert in seinem ersten Buch „Erinnerung an eine Jugend“, wie er die Zeit nach der Besetzung in der Stadt Posen erlebte, wohin sein Vater im März 1940 mit der Familie versetzt wurde. Für den fünfzehnjährigen Venohr, einen begeisterten Hitlerjungen und idealistischen Nationalisten, ist es ein Schock, die chauvinistische Demütigung der Polen zu erleben.

Wie einst die Franzosen im besetzten Rheinland der zwanziger Jahre führten sich Deutsche gegenüber Polen als Herrenmenschen auf. Es kommt in der Familie Venohr darüber zu heftigen Diskussionen. Venohrs Mutter weigert sich beispielsweise lange, ein Abzeichen zu tragen, das sie als Deutsche ausweist, um ihr damit auf der Straße und den Geschäften eine privilegierte Behandlung zu sichern.

Venohr schildert seine Bedrückung am ersten Schultag 1940:

„Mitte April, an meinem 15. Geburtstag, begann für mich die Schule in Posen. Ich mußte zu Fuß durch die Graben- und Wasserstraße zum Alten Markt gehen, dort vor dem Rathaus die Straßenbahnlinie Nr. 1 nehemen, um später, an der Schloßfreiheit, in die Linie 3 oder 6 umzusteigen, mit der es bis zur Station Tannenbergstraße/Ecke Dr.-Wilms-Straße ging. In der Dr.-Wilms-Straße Nr. 8 befand sich das Staatliche Gymnasium zu Posen, das nun meine künftige ‚Penne’ werden sollte.

An der Straßenbahnhaltestelle vor dem Rathaus drängelte sich ein aufgeregter Menschenhaufen, als die Linie 1, die von hier abfuhr, mit zwei leeren Waggons eintraf. Ich sprang schnell auf den hinteren Perron des Vorderwagens und wartete auf den Ansturm. Er kam nicht. Es stieg ein etwas gleichaltriger Junge zu, sonst blieb der vordere Waggon gähnend leer. Als ich mich umdrehte, sah ich, daß sich der hintere Wagen fast unter der Last der Menschen bog, die sich mit Schubsen und Schimpfen in die beiden Türen kämpften. Unter lautem Gebimmel fuhr die Straßenbahn an und keuchte asthmatisch die Neue Straße zum Wilhelmplatz hinauf. Das Bild, das sich bot, war grotesk: Während der Vorderwagen völlig leer war, hingen auf den Trittbrettern des überfüllten Anhängers ganze Menschentrauben, zum Teil in den gewagtesten Verrenkungen. Ich muß wohl ein fassungsloses Gesicht gemacht haben, denn der neben mir stehende Junge feixte: ‚Die Polacken dürfen nur den hinteren Wagen benutzen, der vordere ist für die Deutschen reserviert.’

Diese erste Fahrt zur Schule in Posen habe ich nie vergessen. Sie hat mich lange im Traum verfolgt. Natürlich waren wir die Sieger, und natürlich hatten sich die Polen durch ihre Kriegstreiberei, ihren anmaßenden Chauvinismus und durch den brutalen Terror, den sie in den ersten Kriegstagen gegen die Volksdeutschen verübt hatten, jegliche Sympathien verscherzt. Aber das durfte doch nicht dazu führen, daß wir uns wie Kolonialherren aufführten. Wir liebten unser Volk, und wir achteten andere Völker, so war es mir in Fleisch und Blut übergegangen. Und nun sah ich mit Blick auf die Menschentrauben am hinteren Wagen, daß die polnischen Bewohner dieser Stadt diskriminiert wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten. Wollten wir sie denn wie Eingeborene behandeln? Und wie ging das mit der Idee des Nationalen Sozialismus zusammen? Es war mir schmerzhaft und widerlich, mitansehen zu müssen, wie sich die Polen an den Haltestellen erbittert um die Plätze im hinteren Wagen schlugen. Ich schaute schließlich nur nach vorne, stur geradeaus, mit einem schalen Geschmack im Mund, bis ich vor dem schmucklosen Gebäude meines neuen Gymnasiums stand.“*

Venohr schildert noch weitere beschämende Beispiele aus eigenem Erleben. Nur eine Episode in einer längeren Geschichte gegenseitiger Demütigungen? Sie können die Vertreibungsverbrechen durch Polen an Deutschen ab 1945 ebensowenig rechtfertigen, wie die Verbrechen der Deutschen in Polen ab Kriegsbeginn durch vorhergehende Vertreibungsmaßnahmen und Übergriffe der Polen gegenüber Volksdeutschen in der Zwischenkriegszeit zu entschuldigen sind.

Es wird für Polen und Deutsche keinen anderen Weg geben, als einen schmerzhaften gleichsam „stereoskopischen“ Blick auf ihre gemeinsame Geschichte zu werfen. Hierfür können vielleicht gerade diejenigen einen besonderen Beitrag leisten, deren Herz für die Idee der Nation schlägt. Sicher ist, daß dadurch nicht die eine Seite als einsamer Täter und die andere Seite als einsames Opfer zu erkennen ist. Es kann hierbei keine Sieger und Verlierer mehr geben.

* Wolfgang Venohr, Erinnerung an eine Jugend, München 1997

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