Joachim Kuhs

 

Totemtier der Metropolen

Endlich haben TV-Magazine und Boulevardzeitungen wieder was zum Gruseln: Ein Panther aus der französischen Stadt Amnéville ist ausgebrochen und schleicht durch Europa! Angeblich wurde er bereits in Frankreich, Belgien und den Niederlanden gesehen. Vor wenigen Tagen soll das Raubtier auch die deutsch-belgische Grenze überschritten haben. Ein verschwommenes Foto zeigt die große, schwarze Katze beim Überqueren eines Waldpfades – angeblich hat ein überraschter Wanderer den Auslöser betätigt.

Dem folgen Bilder von gerissenen Schafen – der Panther steht unter Tatverdacht. Warum er die Viecher nicht gefressen hat, bleibt das Geheimnis der Journalisten. Jetzt streift er also irgendwo durchs Land. Egal, ob im Wald, im Dorf und in der Stadt – überall kann er einem entgegenspringen. (obwohl Panther – wie Besonnene wissen – eigentlich keine Menschen angreifen).

Man denkt unmittelbar an den Klassiker „Cat People“ (1941 & 1982), wo eine junge Frau (Simone Simon, im Remake: Nastassja Kinski) als zähnefletschende Großkatze durch die Nacht schleicht.

Solche Mythen und Werke zeigen, daß der „zivilisierte“ Mensch es ohne Raubtier nicht aushält. Schon in der Alltagssprache, den Werbeslogans und Markennamen, wird die Bestie reichlich zitiert: So trägt ein Hersteller von Sportschuhen den Namen „Puma“.

Metropolenbewohner wünschen sich intensiveren Kontakt zur Wildnis

Oder man rast im „Jaguar“ über die Autobahn und hat dabei den „Tiger im Tank“. Eine politische Bewegung, die es ernst meint, nennt sich „Black Panther“ oder – bei zunehmendem Alter – „Die grauen Panther“ oder verwendet gleich einen Tiger als Emblem. Besonders aggressive Sachverhalte heißen „Raubtierkapitalismus“, „Raubtierkrebs“, und so weiter.

Bislang konnten Vertreter westlicher Zivilisationen ihre Totemtiere meist nur in erschöpft-depressiver Form – nämlich im Zoo – bewundern, jetzt aber wünscht der Metropolenbewohner wieder intensiveren Kontakt zur Wildnis. Nicht nur, daß die Tiere des Waldes Einzug in die Ballungszentren halten und darin erfolgreich Nischen besetzen – auch die heimlichen Haustiere zahlreicher Großstädter sind bemerkenswert.

Yann Martel spekulierte in seinem Roman „Schiffbruch mit Tiger“ (2001), was passieren würde, wenn man eine Weltmetropole auf den Kopf stellt: Da fielen nicht nur Menschen aus den Häusern, sondern ebenso Würgeschlangen, Giraffen, Krokodile, Raubkatzen und vieles mehr. Natürlich stammt auch der aktuell ausgebüchste Panther aus Privatbesitz! Ergo: Der Mensch hat nicht nur Angst vor der Wildnis, er identifiziert sich auch mit ihr.

Jeder Ausbruch eines wilden Tieres aus Zoo und Zirkus ruft nicht nur Angst, sondern auch heimliche Mitfreude hervor. Mitfreude mit der frisch erworbenen Freiheit des Eingesperrten. Kein Wunder. Schließlich ist der Mensch primär kein Animal rationale – kein „vernünftiges“, sondern ein „mystisches Tier“. Neben animalischer Triebbefriedigung hat er Sehnsucht nach Rausch, Grenzenlosigkeit, Eros, Freiheit, Ewigkeit – nach der Auflösung in etwas, wofür er kein Wort, keinen Namen kennt.

Papier-Tiger im medialen Mainstream

Die enge Verwebung von Mystik und Animalischem zeigen Darstellungen des Rauschgottes Dionysos, dessen Wagen zahlreiche Tiger und Panther ziehen. Die Kultur versucht mit Hilfe von Regel, Ratio und Riten den Alltag der „mystischen Tiere“ zu strukturieren.

Gelingt ihr das nicht (mehr), sucht der Mensch verstärkt Kontakt zu wilden Tieren. Hier dürfte ein Hinweis auf  römische Arenen genügen… Ähnliches geschieht, wenn sich Bürger heutzutage wilde Tiere in die Wohnung holen: Ein Zeichen dafür, daß die Kultur ihr Wildnispotential nicht mehr im Griff hat,  neue Formen erfinden oder adaptieren muß.

Wahrscheinlich wird man den Panther an der deutsch-belgischen Grenze bald jagen. Ein großer Fehler! Deutschland und Europa sollten sich einen freilaufenden Panther ruhig mal gönnen. Durch seine pure Präsenz ist er ein schärferer Kulturkritiker als zahlreiche Papier-Tiger im medialen Mainstream. 

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