Manipulativer Informationsmüll

Im DDR-Jugendradio lief allwöchentlich die zehnminütige Aufklärungssendung „Krieg gegen Köpfe“. Mit Vibrato in der Sprecherstimme und unterlegt von dramatischer Musik, wurden die „ideologische Diversion“ der „imperialistischen Medien“ – vor allem der elektronischen, die auch in der DDR konsumiert wurden – entlarvt und auseinandergenommen. Man hörte sich das mit einer Mischung aus Belustigung und Masochismus an. Ernst nahm man es nicht.

Längst habe ich Zweifel, ob meine Ignoranz gerechtfertigt war. Ein paar rationale Kerne hatte die Kritik auf jeden Fall. Das dachte ich gestern wieder, als ich im Radio die Meldung hörte, daß die „Migranten“ in Europa ganz furchtbar unter Diskriminierung und rassistisch motivierten Straftaten zu leiden hätten. Das will die die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) – was wir uns mitten in der Krise alles noch leisten! – durch eine Umfrage unter 23.000 Einwanderern in Europa herausgefunden haben.

Neugierig geworden, habe ich die Onlinedienste der großen Zeitungen durchforstet, die die Meldung unisono übernommen hatten, den anklagenden Ton, der sich gegen die Einheimischen richtete, inklusive. Gefragt worden war nach Diskriminierungen in neun Bereichen: bei Bewerbungen, am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche, in Arztpraxen und Krankenhäusern, im Arbeits- oder Sozialamt, in Cafés oder Restaurants, Geschäften, bei der Eröffnung eines Kontos oder der Aufnahme von Krediten, sowie Diskriminierungen durch Lehrer.

Bei Betrachtung der Zahlen bleibt von der Anklage nicht viel übrig. Am stärksten betroffen sind die Roma, vulgo Zigeuner, von denen sich 47 Prozent diskriminiert fühlten. Unter den befragten Schwarzafrikanern waren es 41 Prozent, unter den Arabern 36 und den Türken 23 Prozent – die üblichen Verdächtigen also. Im Grunde geht es darum, daß sie sich einen größeren Anteil am europäischen Sozialkuchen wünschen. Buchstabieren wir die sogenannten Diskriminierungen kurz durch: Am Arbeitsplatz und bei Bewerbungen dürften sie in Zeiten des Fachkräftemangels auf fehlende Sprachkenntnisse, Bildung und Sozialkompetenz zurückgehen.

Die Wohnungssuche – nun ja, die Vermieter haben so ihre Erfahrungen und nehmen lieber einen Koreaner auf. Die Behandlung in Arztpraxen und Krankenhäusern setzt nun mal eine Krankenversicherung voraus, denn irgendwer muß die Chose ja bezahlen. Und wenn einem Angestellten in den Arbeits- und Sozialämtern der Kragen platzt über die Aggressivität, mit der ein zugewandertes Anspruchsdenken sich entäußert, ist das menschlich verständlich. Die Benachteiligung in Geschäften dürfte in enger Beziehung zur Diebstahlrate spezifischer Tätergruppen stehen. Wir brechen hier ab.

Auch die Produzenten solcher Meldungen wissen natürlich, daß sie substanzlos sind und nicht geglaubt werden. Trotzdem haben sie Wirkung. Wer hat schon die Kraft und die Zeit, jedesmal das Selbstverständliche gegen den manipulativen Informationsmüll zu behaupten, der sich unaufhörlich, Tag für Tag, über einen wälzt? Es folgen Resignation, die stille Unterwerfung und die Einordnung in die Herde des passiven Stimmviehs und demütigen Zahlmeisters.

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