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Krisen als Chance für die Bildung?

Wenn Friedrich Wilhelm III. nach der Niederlage in den Napoleonischen Kriegen die letzte Überlebensmöglichkeit Preußens in der Bündelung kultureller Energien erkannte und Wilhelm von Humboldt eine Idee davon entwickeln ließ, dem Staat „durch geistige Kräfte zu ersetzen, was er an physischen verloren habe“, mag man dies als Vergleich zur heutigen Situation hergeholt finden.

Indem das damalige Desaster von den kritischen Analytikern Preußens in schmerzlicher Revision aber nicht nur einer überlebten Gesellschaftsstruktur, sondern ebenso dem sittlichen Defizit jedes einzelnen angelastet wurde, wirkt das Beispiel schon aktueller.

Damals hatte man das überkommene Bildungsziel gesellschaftlicher Brauchbarkeit für unzureichend gehalten und so nach einer Erziehung des Menschen schlechthin verlangt – zu Freiheit, Selbstbestimmung und Urteilskraft und eben nicht zu einer durch Besitz und Stand vorgezeichneten Position.

Orientierung als Grundfunktion des klassischen Bildungsbegriffs

Nicht als Folge eines verlorenen Krieges, sondern als Fazit der gescheiterten neoliberalen Ära ist gegenwärtig eine Umkehr erfordert, die nicht weniger konsequent sein sollte – nicht nur im Wirtschaftlichen und Rechtlichen, sondern gerade in der Orientierung. Und Orientierung war die Grundfunktion des klassischen Bildungsbegriffs.

Das Ende der klassisch-bürgerlichen Periode markiert ebenso das Ende der bürgerlichen Bildungsidee. Die neuen Manager und deren Eleven bedurften ihrer nicht mehr. In der Weise, wie das Bürgertum den Impetus von Aufklärung, Emanzipation und Humanismus verlor und zur Kaste von Shareholdern und Rentiers abstieg, vermochte die Bildung ihr Ziel nicht mehr in der Ausbildung von Reife, sondern nur noch im Pragmatismus zu erkennen: Job statt Beruf, Abi statt Reifeprüfung, Erfolg statt Charakter.

Wenn die Optimierung von Industrie, Konsumtion und Gewinn in jeder Hinsicht wesentlicher ist als die Besinnung auf das Wahre, Gute und Schöne, dann diagnostiziert Ulrich Greiner die Folgen richtig, wenn er meint, daß man die Gegenwart für total, die Geschichte für einen Furz und die Zukunft für ein Paradies hielte.

Dekadente Spätkultur der Bundesrepublik

Die dekadente Spätkultur der Bundesrepublik ist eine Folge der Umsteuerung durch die Achtundsechziger. Mit der Oberstufenreform von 1970 bis 1973 obsiegten nach Manfred Fuhrmann die Prinzipien Gesellschaft, Einkommen und soziale Gerechtigkeit gegenüber den jahrhundertealten Maßgaben Geist, Kultur und Person.

Mit der Zerschlagung des humanistischen Gymnasiums hätten sich in der „Erlebnisgesellschaft“ Narzißmus und Individualismus zu rechtfertigen gewußt und pflegten nun das Trivialschema: Ich leiste mir was, weil ich es verdient habe. Hochkulturelle Spannung und das „Niveaumilieu“, das in Institutionen wie Konzert, Theater, Museum, Feuilleton und Bildungsfernsehen bestand, wurden insofern von einer behäbigen Wohlstandsmentalität abgelöst, die den Nutzen über den Sinn erhob. Aus dem Krisenbewußtsein heraus setzten etwa bündische Ideen vor hundert Jahren neu an. Darin läge echte Inspiration.

Ahriman Verlag Der Kalte Krieg
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