Die taz und der Kampf gegen die Piraten

Groß ist der Aufschrei über das Interview, das der Vizechef der Piratenpartei, Andreas Popp, in der letzten Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT gegeben hat.

Mehrere Zeitungen berichten empört über den „Fehler“, den Popp begangen habe. Die Berliner Zeitung: „’Dumm’ sei das gewesen, schreiben die einen, andere sprechen hämisch von Medieninkompetenz.“

Tatsächlich hat sich Popp nach den ersten Medienreaktionen erschrocken von sich selbst distanziert, er will eine „eilige Interviewanfrage“ der JF erhalten haben, mit deren Namen er nichts habe anfangen können. Beim Interview sei er „aus allen Wolken gefallen“ wegen der suggestiven Gesprächsführung. In der abgetippten Fassung des Gesprächs sei ihm „jedes Wort im Mund rumgedreht“ worden. Dabei habe er sogar noch im Online-Lexikon Wikipedia gelesen, daß auch Ephraim Kishon der JF schon ein Interview gegeben habe und das Gespräch schließlich mit Änderungen autorisiert. Er hat sich inzwischen entschuldigt, mit „diesem seltsamen Blatt“ gesprochen zu haben.

Hintergründe des Interviews mit Andreas Popp

Tatsächlich verhielt es sich mit dem Interview so: Wir haben mit Andreas Popp ein Gespräch geführt, wie wir es wöchentlich mit jedem Interviewpartner tun. Die JF erscheint seit 1994 wöchentlich und sie hat nach Adam Riese inzwischen fast 800 Interviews veröffentlicht, die alle von Interviewpartnern persönlich autorisiert wurden. Die Liste der Interviewpartner ist lang und kann auf unserer Internetseite eingesehen werden.

Andreas Popp wurde das Interview also wie üblich schriftlich zur Autorisierung vorgelegt. Er hat nur wenige Passagen geändert und das Interview dann zur Veröffentlichung freigegeben. Popp hatte im Verlaufe des Interview-Prozesses zwischen dem 28. August und dem 3. September insgesamt zwölf Mal per E-Mail Kontakt mit unserem Redakteur Moritz Schwarz. Mehr kann man wirklich nicht machen.

Welche Interessen verfolgen die Kritiker der Piratenpartei?

Es ist nun interessant zu sehen, welche Kritiker am lautesten den Vertretern der Piratenpartei „Unprofessionalität“ und mangelnde politische Korrektheit vorwerfen: Die selbsternannte Gralshüterin journalistischer Unabhängigkeit und kritischer Berichterstattung ist ausgerechnet die linke taz. Auf ihrer Online-Seite schreibt die taz-Redakteurin Julia Seeliger in einem großen Artikel über das „instinktlose, ideologisch problematische Interview“: „Abermals ist es der Piratenpartei passiert, unsensibel gegenüber rechtslastigen Argumentationen gewesen zu sein.“ Bemerkenswerterweise kommt in (bis Mittwochabend, den 16.09.) über 200 Kommentaren durchaus auch scharfe Kritik am Kampagnenjournalismus der taz auf.

Ist dieses Interview wirklich so skandalös? Es ist tatsächlich nicht das erste Mal, daß ein Interview der Jungen Freiheit Aufsehen erregt. Es gab lange Debatten, nachdem die SPD-Vordenker Egon Bahr 2004 und Peter Glotz 2005 in der JF Interviews veröffentlicht hatten oder nach dem Gespräch mit Charlotte Knobloch, damals Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland. Die Erregung nach manchem Interview zeigen das vorherrschende Unvermögen, die Unsouveränität eines Teils der Gesellschaft, kontroverse Diskussionen auszuhalten und zuzulassen, an der tatsächlich Exponenten von links bis rechts beteiligt sind.

Manche Journalisten kommen offenbar nicht damit klar, daß an einem demokratischen Diskurs Konservative nicht nur am Katzentisch teilnehmen wollen. Demokratie kann anstrengend sein – es sei denn, man hat die Absicht unter sich zu bleiben.

Doch nach Ansicht der engstirnigen taz-Redakteure soll der „Diskurs” anscheinend immer nur unter Linken und Liberalen stattfinden.

Die taz als Gouvernante des links-grünen Establishments

Was ist nun das Motiv bei der taz, sich besonders über die Piratenpartei zu empören? Gab es nicht schon mehrere Politiker der Grünen, die sich in JF-Interviews äußerten? Die Ikone der Grünen, Daniel Cohn-Bendit unterschrieb im Jahr 1994 sogar einen Appell „Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden – Appell anläßlich des Anschlages auf die Druckerei der JUNGEN FREIHEIT“, nachdem Linksterroristen im Dezember 1994 die Weimarer Uniondruckerei in Brand gesetzt hatten, weil dort die JF hergestellt wurde.

Die taz empört sich wohl besonders darüber, daß die Piratenpartei sich nicht an die politisch-korrekten Quarantänebestimmungen im Umgang mit konservativen Journalisten gehalten hat, weil es um politischen Einfluß und nackte politische Macht geht. Es geht um den Kampf gegen einen politischen Konkurrenten bei der Bundestagswahl. Es geht schlicht um Pfründe. Julia Seeliger ist Mitglied der Grünen und gehörte bis Ende letzten Jahres dem Parteirat auf Bundesebene an. Sie läßt sich als „Web-2.0-Pionier“ der Partei titulieren.

Die taz hat ein – auch wirtschaftliches – Interesse an einer starken grünen Partei. Die Piratenpartei wildert tatsächlich im Stammrevier der Grünen, punktet eher bei staatskritisch veranlagten urbanen Jungwählern, die bislang selbstverständlich grün gewählt haben. Zwei Prozentpunkte für die Piratenpartei am 27. September – sie könnten unter Umständen bei einem knappen Wahlausgang den Ausschlag für Schwarz-Gelb und gegen eine strategische linke Mehrheit geben.

Über ihren Internetblog suchte die taz-Redakteurin schon Anfang September nach „heißem Material“ gegen die Piratenpartei: „Wie ist der Frauenanteil? Welche prominenten Mitglieder (zB Tauss, Rusche) gibt es? Was gab es für interessante Aktionen der Piraten? Ist die Piratenpartei als ‚Linksliberal’ zu verstehen?“ Einige Blogger spekulieren, Seeliger sei zur gezielten Recherche gegen die Piratenpartei angeheuert worden.

Die Grünen: Einst rebellisch, heute ein saturierter, verbonzter Apparat

Die taz, einst publizistische Vorkämpferin einer linken, außerparlamentarischen Jugendbewegung, ist heute zu einer in die Jahre gekommenen politisch-korrekten Gouvernante eines links-grünen Establishments geworden. Der Charme des Oppositionellen ist schon lange dahin. Die Grünen, einst basisdemokratisch und Sammlungsorganisation rebellischer, junger Bürgerinitiativen, ist zu einem saturierten, verbonzten Apparat im Dienst von Berufspolitikern geworden, die um ihre Diäten bangen – nicht mehr zu unterscheiden von etablierten Parteien wie CDU und SPD.

In der „Grünen Jugend“ engagieren sich nicht mehr nonkonforme, radikale Linke sondern angepaßte, karrieregeile Spießer, brave Opportunisten – Julia Seeliger ist ein solches Paradeexemplar. Es macht sich nun in diesem angepaßten Apparat Nervosität breit, daß sich eine rebellische neue Jugendbewegung in und um die Piratenpartei zu organisieren scheint, die sich nicht an die kurze Leine der taz-Gouvernante legen lassen will. Die die Nase voll haben von den Direktiven aus der Kochstraße.

Ein Kommentator schrieb in Julia Seeligers Blog: „Was bedeutet ‚links’ in der heutigen Politik? Daß die Piraten liberal sind, steht außer frage. Allerdings ist die Aufteilung in linke und rechte Lager, in meinen Augen, Schnee von gestern.“ Das kann natürlich nicht geduldet werden. Und daher das bierernste, oberlehrerhafte Vorgehen der taz gegen die „ungezogenen Kinder“ von der Piratenpartei.

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