katyn

Katyn-Film
 

Der Stoff, aus dem der Tod ist

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Sowjetische Soldaten erschießen einen polnischen Offizier Foto: pandastorm pictures

Die Einstiegsszene hat’s in sich: Auf einer Brücke an einem ostpolnischen Fluß rennen zwei dunkle Menschenmassen aufeinander zu. Sie verkeilen sich ineinander, verstopfen die Brücke und werden so einander selbst zum Hindernis. Die einen, sichtlich abgehetzt, fliehen vor den Deutschen, die anderen, Verstörung und Verzweiflung in den Gesichtern, laufen vor den Sowjets davon.

 Die Russen fielen an diesem 17. September 1939 in Ostpolen ein und zwangen einen Teil der polnischen Armee zur Kapitulation, anschließend brachten sie nahezu das gesamte Offizierskorps – knapp 15.000 Mann – in Gefangenenlager. Seit April/Mai 1940 fehlt von ihnen jede Spur. Erst im Kriegswinter 1943 – die Wehrmacht steht längst in Rußland – werden in Katyn bei Smolensk, aber auch bei Charkow und Kalinin (Twer) Massengräber polnischer Offiziere entdeckt. Bald steht nach Exhumierung und entsprechender Untersuchung die grauenvolle Wahrheit fest: Es ist das verschwundene Offizierskorps, liquidiert im Frühjahr 1940 durch den NKWD.

Wajdas Vater Jakub kam als Hauptmann  in einem Sowjetlager um

Der Stoff, aus dem der Tod ist – er bietet vielerlei Chancen, die Geschichte von Katyn zu erzählen. Vorstellbar bleibt ein klassisches Lagerdrama, eine Geschichte über das Leben und Sterben der Offiziere, ihren Alltag, ihre Nöte, Träume und Ängste. Machbar ist auch eine Darstellung der Katyn-Lüge: das Wissen um einen von den Sowjets begangenen Massenmord und dessen ideologisch motivierte Leugnung in einem Land, aus dem zwar die Opfer kommen, das aber für knapp 50 Jahre Moskaus Satellit und deswegen einer freien Rede darüber beraubt wurde.

Altmeister Andrzej Wajda, dessen Vater Jakub als Hauptmann ebenfalls in einem Sowjetlager umkam, hat sich – leider – für eine Mischung aus edlem Lagerdrama und Nachzeichnung sowjetischer Geschichtslüge entschieden und so einen sehr ungleichen, stellenweise schwachen Film entstehen lassen, der weder das eine noch das andere Motiv konsequent durchzieht.

Das mitunter dürre Handlungsgerüst ist um die Schicksale dreier Frauen aufgebaut, die in Krieg und Nachkrieg auf ihre Männer und Brüder warten, die am 17. September in sowjetische Gefangenschaft gerieten. Man merkt schnell, was Wajda erzählen will: die Geschichte einer (unbeugsamen) Haltung in Zeiten der Lüge, den aufrechten Gang einiger weniger Wahrheitsliebender unter lauter Geschichtsgebeugten.

Der Film ist angelegt auf Schwarzweißmalerei

Entstanden ist dadurch jedoch kein Meisterwerk, noch nicht einmal ein halbwegs verdauliches episches Panorama, im Gegenteil: Der Film, angelegt auf Schwarzweißmalerei, mutet an wie ein technisch verstaubtes Ding aus der Mottenkiste des „Kinos moralischer Unruhe” der siebziger Jahre.

Der Regisseur setzt die durch die Russen und ihre polnischen Handlanger zum Schweigen gebrachten Frauen moralisch ins Recht. Das verleiht dem Film zwar einige Kontraste, läßt ihn aber geschichtlich ungenau werden. Die Grauzonen, in denen sich das polnische mit dem sowjetischen Interesse deckte, die alltägliche Kollaboration der Polen mit ihren „Befreiern“ (und der daraus fließende Nutzen), schließlich eine gewisse Attraktivität eines Gesellschaftsmodells aus Gewalt und sozialer Tat – das alles bleibt in „Katyn” unausgeleuchtet.

Die Ohnmacht der Frauen offenbart eine Ohnmacht des Filmemachers, dem die Volkspädagogik die Sichtschärfe nimmt. Dabei ist der Film nicht antikommunistisch, und auch sein Antisowjetismus ist von einer Schwachbrüstigkeit, die ihm keinen Erfolg bescheren kann. Enttäuschte Gesichter der Zuschauer in einem Warschauer Kino belegten dies überdeutlich.

Der Film ist am 17. September in den deutschen Kinos angelaufen.

JF 41/07

Die Besprechung erschien 2007 anläßlich des Filmstarts in Polen.

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