Christliches Brauchtum

Heute findet in unserer Stadt der Leonhardi-Ritt statt. Nach der heiligen Messe werde ich die Pferde segnen, woraufhin der Zug aus Pferden und Kutschen durch die ganze Stadt führen wird.

Solches Brauchtum zieht mit den Reitern aus nah und fern und mit den zahlreichen Zuschauern die unterschiedlichsten Menschen an. Darunter sind selbstverständlich viele Fernstehende, die allein wegen des „folkloristischen Ereignisses“ kommen. Auch Angehörige der evangelischen Freikirche, mit denen ich sonst viele konservative Standpunkte teile, werden in solchen Bräuchen wenig Christliches erkennen und sie als heidnisches Relikt kritisieren.

Dennoch liebe ich diese volkstümliche Frömmigkeit, wie sie gerade in Bayern besonders verbreitet ist, und vielleicht tue ich dies um so mehr, da ich erst im Alter von 23 Jahren diese Form des Katholizismus kennenlernen durfte. Hier lebt noch etwas von der sogenannten „Volkskirche“. Selbstverständlich fordert Christus jeden einzelnen zur persönlichen Glaubensentscheidung heraus. Dennoch ist es hilfreich, wenn man sich getragen weiß von einer großen Glaubensgemeinschaft. Gerade religiöse Prozessionen wie der Leonhardi-Ritt sind immer auch Demonstrationen des Glaubens, die Mut machen, den eigenen Glauben zu leben.

Mut und Verständnis für die Nöte der Menschen

Wer die Botschaft von Weihnachten ernst nimmt, nämlich die Tatsache, daß Gott wirklich in den menschlichen Alltag hineingekommen ist, der muß uns konsequenter Weise auch zugestehen, daß wir Gott um seinen Beistand und seinen Segen bitten, für die alltäglichen Dinge, die uns so sehr am Herzen liegen. Früher lebten nun einmal die meisten Menschen von der Landwirtschaft. Das Haus, der Hof und ebenso das Vieh bedeuteten damals die Existenzgrundlage der Menschen. Daher ist es nur allzu verständlich, daß diese oftmals auch Gegenstand der Bittgebete des gläubigen Volkes waren.

Als Patron der Bauern, des Viehs und besonders der Pferde wird der heilige Benediktiner-Abt und spätere Einsiedler Leonhard verehrt. Im 6. Jahrhundert setzte er sich beim König ein für die Freilassung von Gefangenen, deren einziges Vergehen darin bestand, den König kritisiert zu haben. Leonhard riskierte mit seinem Einsatz, ebenfalls im Gefängnis zu landen. Doch er erreichte die Freilassung der Gefangenen. Wer soviel Mut und Verständnis für die Nöte der Menschen hatte, dem dürfen wir zutrauen, daß er sich auch heute vom Himmel her einsetzt für all das, was uns am Herzen liegt.

Solche Bräuche wie der Leonhardi-Ritt bieten für den Seelsorger immer eine gute Gelegenheit, zentrale Botschaften des christlichen Glaubens herauszustellen. Anders gesagt: Wo es solches Brauchtum nicht gibt, geht nicht nur christliches Leben, sondern auch eine Möglichkeit zur Verkündigung verloren.

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