Englisch für Embryos

Deutsche Säuglinge schreien anders als französische. Die Sprachentwicklung beginnt also bereits im Mutterleib. Das haben jetzt Würzburger Forscher eindrucksvoll nachgewiesen. Demnach unterscheiden sich die Schreie der Neugeborenen sowohl in der Melodie als auch im Rhythmus. In der Pressemitteilung der Universität Würzburg heißt es:

Die Schreimelodie der deutschen Säuglinge beginnt häufiger mit einem anfänglichen Maximum und zeigt dann eine abfallende Kurve. Die französischen Säuglinge schreien dagegen öfter in ansteigenden Melodien und betonen damit das Ende stärker. Damit reproduzieren sie genau diejenigen Intonationsmuster, die für ihre jeweiligen Muttersprachen typisch sind.“ Das entspricht dem später gelallten „Pápa“ der deutschen und „Papá“ der französischen Kinder.

Pränatale Beschallung als Kampf gegen Rechts

Was bedeutet das nun für diejenigen, die an der hierzulande grassierenden Englischen Grippe leiden? Sie wollen doch alle Kinder so früh wie möglich in Fremdsprachen unterweisen. Ihrer Ansicht nach müßte die Forderung der FDP viel zu kurz greifen. Die Liberalen fordern nämlich, daß der Nachwuchs im Kindergarten Englisch erlernt und die zweite Fremdsprache in der Grundschule: „In diesem Zusammenhang sind Bildungs- und Betreuungsangebote im Kitabereich auszubauen und das pädagogische Personal zu qualifizieren.“ Jetzt stellt sich heraus, daß die Sprachprägung viel früher beginnt. Erweitert das nicht die Möglichkeiten für den Fremdsprachenunterricht?

Unter Berücksichtigung der Forschungsergebnisse müßte der Zugriff des Staates auf unsere Kinder also bereits viel früher einsetzen. Die pränatale Beschallung mit Englisch hätte viele Vorteile. Da Neugeborene heute noch nachgewiesenermaßen die Muttersprache bevorzugen, könnte Fötus-Englisch zum Beispiel verhindern, daß der Neubürger bereits als Nationalist zur Welt kommt. Somit wäre das auch ein wertvoller Beitrag im Kampf gegen Rechts. Welche Mutter, welcher Vater kann es denn in dieser Zeit noch verantworten, daß sein Kind mit solch schlechten Startchancen auf die Welt kommt? Der Sorge frischgebackener Eltern, „Ist mein Kind ein Nazi?“, könnte wirksam begegnet werden.

Der Staat muß zum Fötus-Training verpflichten

Allerdings tritt hier eine Schwierigkeit auf: Der Verweilort der in Englisch zu unterweisenden Fötusse ist aus technischen Gründen derzeit noch fest an die Gebärerin gebunden. Zum Zeitpunkt der Geburt ist jedoch bereits wertvolle Zeit für den Englischunterricht verstrichen. Werdende Mütter müssen also vom Staat verpflichtet werden, mehrmals in der Woche Englischkurse für Embryos zu besuchen. Außerdem müssen sie darauf achten, mehrmals täglich selbst auf englisch mit ihrer Leibesfrucht zu plaudern.

Sie meinen, das sei alles nur ein Scherz? Dann werfen Sie bitte einmal einen Blick nach Amerika. In den Vereinigten Staaten bereiten in mehreren Städten „Prenatal Universities“ den Nachwuchs auf den Ernst des Lebens vor. Und warum sollte ausgerechnet in diesem Fall der Ami-Blödsinn einmal nicht von uns Deutschen ungeprüft nachgeäfft werden?

Der Forschungsbericht der Würzburger Wissenschaftler ist übrigens in der Fachzeitschrift „Current Biology“ erschienen – auf englisch, versteht sich.

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