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Interview von Uwe Tellkamp: In übler Absicht

Interview von Uwe Tellkamp: In übler Absicht

Interview von Uwe Tellkamp: In übler Absicht

Der Autor Uwe Tellkamp wird vom Kulturbetrieb wegen seiner Ansichten attackiert Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert
Der Autor Uwe Tellkamp wird vom Kulturbetrieb wegen seiner Ansichten attackiert Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert
Der Autor Uwe Tellkamp wird vom Kulturbetrieb wegen seiner Ansichten attackiert Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert
Interview von Uwe Tellkamp
 

In übler Absicht

In dem Essay „Das Atelier“, der 2020 in der „Exil“-Reihe des Buchhauses Loschwitz erschien, legte Uwe Tellkamp dem verfemten Bildhauer Ernst Barlach die folgenden Sätze in den Mund: „Wanderer im Wind, was ficht’s dich an? Laß irre Hunde heulen. Das sagt sich so leicht.“ Sie nahmen vorweg, was über den Autor anläßlich seines neuen Romans „Der Schlaf in den Uhren“ eben hereinbricht. „So viel Haß, Ekel, Abrechnung, Moral“, titelte der Spiegel und brachte ungewollt die Essenz des als Literaturkritik camouflierten Vernichtungswillens auf den Punkt. Im Tonfall der DDR-Zensurbehörde rügte die Literaturchefin der FAS „den Geist der Reaktion“ im Buch. Und ein Kolonialismushistoriker schlug in übler Absicht einen Bogen vom Interview mit Tellkamp in der Süddeutschen Zeitung zum mörderischen Attentat im amerikanischen Buffalo. Der Kultur-, Medien- und akademische Betrieb gleicht wieder einmal einem geschlossenen Wahnsystem.

Der gebürtige Dresdner Tellkamp sagte der SZ, er wolle „nicht wie Frankfurt werden, ich habe keine Lust auf Frankfurter Zustände“. Solche Aussagen provozieren das Betriebssystem bis aufs Blut, schließlich hat es für jene Zustände die geistige Vorarbeit geleistet. Seine Akteure verwahren sich nun dagegen, als Versager, Opportunisten oder Blinde hingestellt zu werden.

Es ist kein Zufall, daß die meisten Roman-Verrisse sich an Tellkamps Darstellung des politisch-medialen Komplexes reiben und seinen Kunstgriff, die Bundesrepublik als ein Gebilde zu karikieren, in dem eine Untergrundorganisation staatlicherseits Leben und Meinungen der Bürger manipuliert, in den Bereich der Verschwörungstheorie rücken. Die Zuarbeiter wollen ihr Selbstbild als autonom handelnde Geister retten.

Wann ist der Opfer-Begriff gerechtfertigt?

Weil Tellkamp von erlebter Cancel Culture und überklebten Plakaten berichtet, werfen sie ihm vor, sich zum Opfer zu stilisieren. Offen bleibt, ab welchem Punkt sie den Opfer-Begriff für gerechtfertigt halten. Ab der ersten Verlags- oder der vierzigsten Konto-Kündigung? Oder beim abgefackelten Auto? Alexis de Tocqueville schrieb, um jemand die Hölle auf Erden zu bereiten, reiche die alltägliche „Tyrannei der Mehrheit“ völlig aus, das Gefängnis sei dafür nicht nötig.

Heute treffen Abweichler auf die Tyrannei der gesinnungsfesten Zivilgesellschaft. „Ich verachtete die Gutwetter-Geschmeidigen, Rectum-Puderbüchsen auf zwei Beinen, Charakterbettler, Daseins-Quallen, Harmonie-Harfner, die Feuilleton-Lyriker und Gefälligkeitsschnitzer“, die bei allem, was über den Rahmen ihres Weltbildes hinausragt, „gleich den gereckten Arm sehen“, heißt es im „Atelier“-Essay. Daß diejenigen, die sich angesprochen fühlen, einen Groll gegen Tellkamp hegen, ist nachvollziehbar. Es ist amüsant zu sehen, wie viele es sind.

JF 21/22

Der Autor Uwe Tellkamp wird vom Kulturbetrieb wegen seiner Ansichten attackiert Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert
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