Joachim Kuhs
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Streiflicht
 

Die zaudernden Liberalen

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Im Berlin-Wahlkampf 2011 versuchte sich die FDP als Partei der Euro-Kritiker zu profilieren Foto: rg

Ein Leser schrieb mir in den vergangenen Tagen bestürzt über die Politik der deutschen Regierung: „Ich habe den ESM-Vertrag durchgearbeitet und war entsetzt. Das gab schlaflose Nächte. Was da auf unser Land zukommt, ließ mir keine Ruhe. Ich dachte da an unsere Kinder, Enkel und Urenkel, die dafür werden zahlen müssen.“

Solche Stimmen mehren sich. Bislang hatte die Euro-Krise für die meisten Bürger in Deutschland jedoch etwas Abstraktes. Der „Mann auf der Straße“ kann mit den „Phantastillionen“ nichts anfangen, mit denen Politiker jonglieren. Solange nicht der Schwund spürbar im eigenen Portemonnaie zuschlägt oder der eigene Arbeitsplatz betroffen ist.

Insofern versuchten manche Euro-Besessenen die Warnungen der Euro-Kritiker als apokalyptische Schwarzmalerei lächerlich zu machen. Doch fällt nun das Konjunkturbarometer auch in Deutschland, das bis dato von einer brummenden Exportwirtschaft verwöhnt wurde. Das Märchen vom sagenhaften Profit, den wir aus der verkorksten Währungsunion schlagen, wird von immer weniger Bürgern geglaubt.

Die Geister sind nicht zu stoppen

Den Euro-Staatschefs will, entsetzt wie Goethes Zauberlehrling von den leichtsinnig entfesselten Kräften, das Zauberwort nicht einfallen, mit dem die einmal gerufenen Geister zu stoppen wären. Der alte Meister würde indes die Wiedereinsetzung einer soliden, nationalstaatlich gestützten Währungspolitik empfehlen. Aus ideologischer Verblendung, Größenwahn, politischer Feigheit und Inkompetenz rauscht so der Euro-Rettungszug weiter in die Katastrophe einer gigantischen Geldvernichtung, wie sie der Kontinent seit den Weltkriegen nicht gesehen hat.

Noch profitiert Merkel vom Prinzip, man wechsele nicht mitten im Strom die Pferde. Umfragen zeigen trotz desaströser Rettungspolitik stabile Sympathiewerte für die Kanzlerin. Die Deutschen scharen sich hinter die Amtsinhaberin, als stünde das Land im Krieg – was politisch sogar längst der Fall ist.

Die FDP droht mit dem Euro in den Untergang zu steuern

Doch von Einzelkritikern, Publizisten, Wirtschafts- und Finanzfachleuten abgesehen fehlt es auch an einer ernstzunehmenden, handlungsfähigen politischen Kraft, die das überwältigende „Nein“ der Deutschen zur Euro-Rettung öffentlich artikuliert und ihm politische Stoßkraft verleiht. Die von Hans-Olaf Henkel unterstützten Freien Wähler haben es nicht überzeugend über Bayern hinaus geschafft und werden – noch – nicht als mächtige Anti-Euro-Kraft wahrgenommen.

Indessen zaudert und zagt die FDP, einst bürgerliche Hüterin marktwirtschaftlicher Tugend, sich aus der Umklammerung der Kanzlerin zu befreien und zur Stimme der Euro-Opposition zu werden. Parteichef Rösler, rhetorisch glücklos, scheitert in seiner Rolle, so daß die Partei in Umfragen die Quittung für ihre politische Selbstaufgabe kassiert. Sie droht mit dem Euro in den Untergang zu steuern.

JF 32/12

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