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Politische Macht und die freie Forschung: Wie die Wissenschaft sich selbst abschafft

Politische Macht und die freie Forschung: Wie die Wissenschaft sich selbst abschafft

Politische Macht und die freie Forschung: Wie die Wissenschaft sich selbst abschafft

Junger Mann forscht: Auch die Naturwissenschaften stehen zunehmend unter ideologischem Druck
Junger Mann forscht: Auch die Naturwissenschaften stehen zunehmend unter ideologischem Druck
Junger Mann forscht: Auch die Naturwissenschaften stehen zunehmend unter ideologischem Druck Foto: picture alliance / Zoonar | Elnur Amikishiyev
Politische Macht und die freie Forschung
 

Wie die Wissenschaft sich selbst abschafft

René Descartes hat 1637 das Ziel formuliert, uns durch Wissenschaft zu Herren über die Natur zu machen. Damit meint er in erster Linie die menschliche Natur: die Entwicklung von Medizin gegen tödliche Krankheiten; danach kommt der Einsatz von Technik durch Kenntnis der Naturgesetze. In der Tat: Mit der Wissenschaft haben wir einen gewaltigen technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt erreicht. Dieser Fortschritt bringt allen Bevölkerungsschichten eine früher unvorstellbare Lebensqualität und eröffnet Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Heute droht Wissenschaft jedoch, sich selbst abzuschaffen. Das gilt nicht nur für das Steckenpferd kulturmarxistischer Sozialwissenschaftler, immer neue, angeblich unterdrückte Minderheiten zu finden und Sonderrechte für diese einzufordern – und sich so gegen den Rechtsstaat mit seinem Prinzip des gleichen Rechts für alle zu stellen. Inzwischen hat dieses Virus mit den Themen Corona und Klima auch den Kern der Medizin und der Naturwissenschaften infiziert.

Wissenschaft aber ist objektiv: Sie abstrahiert von subjektiven Werturteilen, um an die Tatsachen heranzukommen. Deshalb ist ihre Methode der Skeptizismus: Jede Hypothese wird einer rigorosen Überprüfung unterzogen. Weil Wissenschaft objektiv ist, spielt Geschlecht, Hautfarbe, Kultur, Religion oder ähnliches in ihr keine Rolle.

Hinweis auf Konsens ist überflüssig

Ebenso spielt Expertenkonsens keine Rolle: Entweder ist der Hinweis auf Konsens überflüssig, weil die Tatsachen nachvollziehbar sind. Oder er ist ein Machtinstrument, um Debatten zu unterdrücken. Wer Expertenkonsens für ein wissenschaftliches Kriterium hält, muß die Eugenik loben. Vor 100 Jahren war Folgendes wirklich nahezu Konsens in der Wissenschaft: (1) Es gibt höher- und minderwertige Gene. (2) Die Menschen mit minderwertigen Genen pflanzen sich viel stärker fort als die mit höherwertigen Genen. (3) Daher droht der Untergang der zivilisierten Menschheit.

(4) Man muß deshalb der Wissenschaft folgen und die Menschen mit minderwertigen Genen aus Solidarität mit der zivilisierten Menschheit sterilisieren. So geschehen vor allem in den USA und den skandinavischen Ländern, bevor dann in Deutschland der Nationalsozialismus aus der Eugenik eine angeblich wissenschaftliche Lehre von höher- und minderwertigen Rassen machte.

In der Tat: „Follow the science“ („Folge der Wissenschaft“) ist so ziemlich das Dümmste – und moralisch Verwerflichste –, das man über Wissenschaft sagen kann. Der Wissenschaft kann man nicht folgen, weil sie objektiv ist. Sie deckt Tatsachen auf. Aus Tatsachen folgen keine Normen. „Follow the science“ macht aus der Wissenschaft ein politisches Kampfmittel. Wissenschaft wird zur Waffe gegen Menschenrechte und die „rule of law“. Das Gefährliche hieran ist, daß dieses Kampfmittel totalitär ist: Gegen „follow the science“ gibt es keine Grenzen in den Menschenrechten und den Instrumenten des Rechtsstaates.

Nähe zwischen Wissenschaft und Staat

Wieso geschieht das? Eine Erklärung ist die Verbindung von Wissenschaft und politischer Macht: Die Wissenschaft wird staatlich finanziert, nämlich durch Zwangsabgaben der Bürger, die von Politikern festgesetzt werden; insbesondere über die Vergabe sogenannter Drittmittel kann man Einfluß ausüben. Strukturen in der Wissenschaft fördern diese Entwicklung: Infolge der Bologna-Reform sammeln die Studenten eher Kreditpunkte, statt daß die Universitäten sie zu kritischem Denken ermutigen.

Die eigentliche Erklärung liegt jedoch tiefer: Sie liegt im Erfolg der Wissenschaft selbst. Erfolg führt zu Hybris: Wenn Wissenschaft so erfolgreich ist, die Naturgesetze zur Verbesserung unserer Lebensumstände zu nutzen, wieso sollte man Wissenschaft dann nicht auch einsetzen, um den Menschen selbst und die menschliche Gesellschaft zu steuern? Die Versuchung der „sozialen Ingenieurkunst“ ist so alt wie die Wissenschaft selbst.

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Das beste Beispiel ist der Marxismus: die wahnwitzige Idee, die Naturgesetze auch auf die Gesellschaft anzuwenden mit dem Kommunismus als Ziel der Weltgeschichte. Dann würde ein neuer Mensch entstehen, der andere nicht mehr ausbeutet. Der entsprechende Versuch hat allerdings nur zur Zerstörung alles dessen geführt, was unter anderem durch Wissenschaft erreicht wurde. Dasselbe läßt sich für das wissenschaftliche Ziel der reinrassigen Gesellschaft im Nationalsozialismus sagen, das angeblich aus biologischen Naturgesetzen folgen soll.

Die Gefahr lauert auch heute: „Follow the science“ führt uns zum neuen Menschen, der gemäß der utopistischen Vorstellung keine Viren mehr verbreitet, der nicht mehr Energie so konsumiert, daß er die Umwelt beeinträchtigt. Diese Ziele sind genauso unsinnig wie die der früheren Totalitarismen. Der Versuch ihrer politischen Umsetzung führt wiederum lediglich zu Zerstörung.

Es braucht Skepsis gegenüber Machtkonzentration

Was also dagegen tun? Erstens: Urteilskraft anwenden. Virenwellen oder gestiegener Energieverbrauch sind Herausforderungen. Aber man muß ihnen mit Verhältnismäßigkeit begegnen. Immer dann, wenn die Wissenschaft und die Wirtschaft frei von politischer Bevormundung agierten, brachten sie uns Fortschritt in Hygiene und Fortschritt in effizienter, umweltfreundlicher Energieerzeugung, verbunden mit sozialem Fortschritt. Die Kernenergie ist das beste Beispiel. Sie liefert sichere, effiziente, umweltschonende und insgesamt gesehen preisgünstige Energie.

Zweitens: Skepsis gegenüber Machtkonzentration. Eine politisch gelenkte Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft ist stets das größte Übel. Es gibt keine Experten, die ein Wissen, eine moralische Befähigung und ein organisatorisches Können zur Steuerung der Gesellschaft haben. Solche Herrschaft der Experten führt stets zu Zerstörung, Elend und Armut.

Drittens: Zivilcourage und der Mut, selbst zu denken. Wie schon Kant vor über 200 Jahren sagte: Aufklärung – und damit Einschränkung der Mächtigen – erreicht man nur durch den freien öffentlichen Gebrauch der Vernunft.

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Prof. Dr. Michael Esfeld lehrt Wissenschaftsphilosophie an der Universität Lausanne und ist Mitglied der Leopoldina.

JF 46/22

Junger Mann forscht: Auch die Naturwissenschaften stehen zunehmend unter ideologischem Druck Foto: picture alliance / Zoonar | Elnur Amikishiyev
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