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Haß auf die letzten Abweichler: Den Moralisten widersetzen

Haß auf die letzten Abweichler: Den Moralisten widersetzen

Haß auf die letzten Abweichler: Den Moralisten widersetzen

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp ist ein Abweichler im Kulturbetrieb Foto: picture alliance / Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp ist ein Abweichler im Kulturbetrieb Foto: picture alliance / Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild
Schriftsteller Uwe Tellkamp: „Ich hätte gerne unter Beachtung und Achtung anderer Kulturen meine erhalten“ Foto: picture alliance / Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild
Haß auf die letzten Abweichler
 

Den Moralisten widersetzen

Je vollständiger der Siegeszug linker Ideologie gelungen erscheint, desto erbitterter der Haß auf die letzten Abweichler, die das Lied nicht mitsingen oder doch nicht wenigstens eingeschüchtert verstummen wollen. Europas politische Klasse hat in dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán ihren gemeinschaftlich markierten Buhmann gefunden, weil der sich nicht von den Segnungen grenzenloser globaler Migration und der Auflösung gewachsener Geschlechter- und Familienidentitäten in hedonistischer Gender-Beliebigkeit überzeugen lassen will. Erst vergangene Woche beklagte Orbán öffentlich einen „Selbstmord des Westens“.

Mit derselben Verbissenheit wie beim ungarischen Regierungschef fällt das Kollektiv der bundesrepublikanischen Kulturschaffenden und Gesellschaftsklempner über den Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp her, der zum Ärgernis der Wohlmeinenden mehr als einmal seinen Widerwillen gegen das „betreute Denken“ und den Moralismus der Vielen zum Ausdruck gebracht und seine Gegenwehr gegen den schleichenden Heimatverlust durch migratorische Überfremdung in den Ausruf gekleidet hat, er habe in Dresden „keine Lust auf Frankfurter Zustände“.

Dabei hatte es für einen kurzen Moment so ausgesehen, als wäre die links-grüne Agenda zur Schaffung des neuen Menschen auf der Siegerstraße angekommen, als seien die Schlachten derer, die sich dieser Agenda entgegenstellen, längst geschlagen. Hatten nicht zwei Jahre rigider Corona-Maßnahmenpolitik im Modus hysterischer Dauerpanik die Macht des moralisierenden Gouvernantenstaats gegenüber dem isolierten und atomisierten Individuum noch beträchtlich ausgebaut und überkommene Bindungen, die sich der kollektiven Kontrolle entziehen, weiter zerschlagen? Und hatten nicht die Wähler selbst ein linksgrünes Regierungsbündnis in den Sattel gehoben, das den radikalen ökonomischen und gesellschaftlichen Umbau zum Programm erhoben hat und dessen Umsetzung unverzüglich und mit hohem Tempo vorantreibt?

Im „Ampel“-Deutschland sind Klimaschutzdirigismus, Migrationsförderung, Buntheitsverherrlichung, Geschlechter- und Familiendekonstruktion innerhalb der tonangebenden politischen und medialen Klassen unumstritten, konträre Positionen mit dem Etikett des Unanständigen versehen und aus dem regulären Diskurs ausgegrenzt.

Moral einer bestimmten Schicht

Und doch ist es nur die Ideologie einer bestimmten Schicht, die ihre mittlerweile errungene Hegemonie skrupellos ausnutzt, um ihre Weltanschauung zur unhinterfragbaren Norm zu erheben und Staat und Gesellschaft nach ihrem Gutdünken umzubauen. Die gesellschaftliche Kluft zu jenen, die diese Anschauung nicht teilen und mit Manipulation und Zwang auf eine Linie gebracht werden müssen, besteht unüberbrückt weiter. Das erklärt die Wut, die Persönlichkeiten wie Uwe Tellkamp und Viktor Orbán durch ihre schiere Existenz und erst recht durch die Unangepaßtheit hervorrufen, mit der sie an ihren gegenläufigen Überzeugungen festhalten.

Denn es sind keine x-beliebigen „Verlierer“, die unter die Räder eines von anderen exekutierten selbstproklamierten Fortschritts geraten wären, sondern geistige, respektive politische Führungspersönlichkeiten. Der Machtinstinkt der Pfründeverwalter der Diskurshoheit wittert in ihnen potentielle Identifikationsfiguren, hinter denen sich die Unterlegenen des von ihnen entfachten ideologischen Bürgerkriegs wieder versammeln könnten.

Der britische Publizist David Goodhart hat die Kluft, die sich durch alle westlichen Gesellschaften zieht, auf eine griffige Formulierung zugespitzt: Es ist der Gegensatz zwischen „Somewheres“ und „Anywheres“, zwischen jenen also, die an einem prägenden Ort und in gegebenen Zusammenhängen verwurzelt sind und sich geborgen fühlen, und den „Ent-orteten“, die sich in einer globalen Funktionsklasse bewegen und von ihr profitieren, die sich als „Kosmopoliten“ oder „Europäer“ verstehen und über Patriotismus und Heimatverbundenheit die Nase rümpfen.

„Anywheres“ verfechten Ideologien wie grenzenlose Migration und Geschlechter-Beliebigkeit, weil sie Eintrittskarte und Zugehörigkeitsmerkmal dieser Klasse sind. Die negativen Begleiterscheinungen berühren sie nicht, dank Einkommen und Mobilität können sie ihnen ausweichen. Auf die „Somewheres“, denen diese Option nicht offensteht oder die sie nicht ergreifen wollen, blicken sie herab, während sie ihnen überlassen, mit den Folgen zerstörter Bindungen und überfremdeter Nachbarschaften fertigzuwerden.

Heimat als negativer Begriff

Ein Überlegenheitsdünkel, der auf Heuchelei und Schizophrenie gebaut ist. Linksgrüne Kulturkämpfer schmücken sich mit Nationalfahnen anderer, während sie die eigene verächtlich machen; sie halten „Heimat“ für einen negativen und belasteten Begriff, der umgedeutet und ins Beliebige gewendet werden müsse, halten selbst Fotos von Normalfamilien ohne Diversitätssignale für verdächtig, während sie im gleichen Atemzug ukrainische Männer bewundern, die Frauen und Kinder ganz traditionell in Sicherheit bringen, um für ihre Heimat zu kämpfen. Die Rückkehr des Krieges nach Europa mit all seinen Schrecken stellt linke Lebenslügen radikal in Frage. Die Krise läßt den gesellschaftlichen Graben tiefer und die Gegensätze unübersehbar werden.

Wenn Inflation die Enteignung der Mittelschicht rasant beschleunigt, entgrenzte Migration die schon zum Zerreißen angespannten Sozialsysteme sprengt und öffentliche Sicherheit zur fernen Erinnerung werden läßt, wenn politisch gesteuerter Wohlstandsverlust auch jene trifft, die der ideologisch motivierte Radikalumbau bislang noch verschont hat, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die dahinterstehende Herrschaftsideologie den wachsenden Unmut nicht mehr ersticken kann.

Ein Regierungschef wie Orbán, der in unbeirrter Konsequenz die Interessen des eigenen Landes an die erste Stelle setzt, hat dann die besseren Argumente als jene, die im Namen abstrakter Moral und universalistischer Allgemeinheiten von anderen Opfer und Verzichtsleistungen einfordern, die sie selbst nicht zu erbringen bereit sind. Und ein Uwe Tellkamp, der aus seiner Verachtung für Kriecherei, Opportunismus und aufgesetzte Selbstgefälligkeit der geschwätzigen Klasse keinen Hehl macht, spricht dann auch für jene, die nicht über vergleichbare Eloquenz gebieten, um ihr Unbehagen über das falsche Spiel auszudrücken, das mit ihnen getrieben wird. Sein Ärger über die Zerstörer von Denk- und Redefreiheit ist ehrlicher als das Feixen der Zensoren und Moralapostel. Er ist ein unüberhörbarer Vorbote des kommenden Aufstands gegen die Entortung.

JF 22/22

Schriftsteller Uwe Tellkamp: „Ich hätte gerne unter Beachtung und Achtung anderer Kulturen meine erhalten“ Foto: picture alliance / Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild
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