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Fall Ofarim: Demo vor dem Westin Leipzig
Demonstration gegen Antisemitismus vor dem Leipziger Hotel Westin Foto: picture alliance/dpa | Dirk Knofe

Neue Videoaufnahmen
 

Wird der Fall Gil Ofarim zum Sebnitz 2.0?

Die Ermittlungen laufen noch und noch ist auch nicht abschließend geklärt, was genau sich vor rund zwei Wochen im Leipziger Hotel Westin abgespielt hat, doch eines steht bereits fest: So, wie der Musiker Gil Ofarim seine vermeintlichen Erlebnisse von dem Abend aufgewühlt in einem Video auf Instagram schilderte, hat sich der Fall nicht zugetragen.

Dabei schien alles so schön zu passen: Ein jüdischer Sänger wird beim Einchecken im Hotel erst nicht bedient und dann von zwei Mitarbeitern aufgefordert, seine Kette mit dem Davidstern abzunehmen oder wegzustecken. So zumindest behauptet es Ofarim in dem Video, in dem er die Kette deutlich in die Kamera hält und seine Version der Geschichte mit tränenersticktem: „Deutschland 2021“ beendet.

Das Video ging in kürzester Zeit viral, die Wellen der Empörung schlugen hoch. Natürlich Sachsen, mal wieder. Der Hort von Vorurteilen, Rechtspopulismus und Rassismus. Das Mekka Dunkeldeutschlands. Der Antisemitismus­beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, beeilte sich, Ofarim seine Solidarität zu versichern und forderte, die Antidiskriminierungs­stelle des Bundes müsse den Vorgang untersuchen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, verurteilte die „antisemitischen Anfeindung gegen Gil Ofarim“ als „erschreckend“.

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Videoaufnahmen schüren Zweifel

Sachsens Vize-Ministerpräsident Martin Dulig (SPD) entschuldigte sich auf Twitter stellvertretend für die übergroße Mehrheit der Menschen im Freistaat für die antisemitische Demütigung, was den klavierspielenden Anti-Rechts-Kämpfer Igor Levit dennoch nicht davon abhielt, ein anklagendes „Shame on you, Westin Leipzig“ (Schäme dich, Westin Leipzig) in die Welt zu twittern.

So weit, so erwartbar. Am Wochenende jedoch nahm der Fall eine abrupte Wende: Die Bild-Zeitung veröffentliche zwei Videos aus Überwachungskameras, die Ofarim beim Betreten des Hotels und dann am Schalter zeigen. Das Problem dabei: Den Stein des Anstoßes, seine Kette mit dem Davidstern, trägt er dabei nicht. Wie also soll er gleich von zwei Mitarbeitern aufgefordert worden sein, das Symbol seines Glaubens abzunehmen, wenn dieses gar nicht zu sehen war?

Gegenüber der Zeitung hat Ofarim dafür nun eine neue Erklärung. Auch wenn er die Kette in dem Moment vielleicht nicht oder nur versteckt unter seinem T-Shirt getragen habe, werde er aber stets mit ihr verbunden, weil er sie bei vielen TV-Auftritten trage. Er sei im Hotel erkannt und deswegen antisemitisch beleidigt worden. Wie glaubwürdig diese Aussage ist, mag jeder selbst beurteilen.

Kein Lerneffekt

Ganz unabhängig davon, wie die Episode ausgeht – der beschuldigte Hotel-Mitarbeiter hat immerhin Strafanzeige gegen den Musiker wegen Verleumdung gestellt –, zeigt sich schon jetzt einmal mehr: Medien und Politik wären gut beraten, sich mit ihren pawlowschen Nazi-Alarmrufen und dem stets darauffolgenden Sachsen-Bashing zumindest so lange zurückzuhalten, bis polizeiliche und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen ein belastbares Bild der Lage liefern.

Schließlich wäre es nicht das erste Mal, daß sie mit ihren Vorwürfen mehr als nur ein bißchen daneben liegen. Erinnert sei an Sebnitz, wo kein Kleinkind von Skinheads ertränkt wurde und an Mittweida, wo niemand einer jungen Frau ein Hakenkreuz in die Stirn ritzte außer sie selbst. Auch gab es in Mügeln keine Hetzjagd auf Ausländer. In Chemnitz läßt sich der gleiche Vorwurf bis heute ebenfalls nicht einwandfrei belegen. Und in Dresden wurde ein junger Asylbewerber aus Eritrea auch nicht von einem durch Pegida aufgestachelten Rechtsextremisten erstochen, sondern von einem Landsmann.

Ein Lerneffekt ist aber trotz dieser ganzen Fälle bei den medialen und politischen Anklägern bislang nicht zu beobachten. Das wäre vielleicht auch ein bißchen zu viel verlangt. Schließlich müßten sie dafür ihr sorgsam gepflegtes stereotypes Welt- und Menschenbild vom chronisch ausländerfeindlichen und dumpf-rassistischen Sachsen einmal vorsichtig hinterfragen und überdenken.

Zu Gil Ofarim bleibt festzuhalten, sollte sich herausstellen, daß seine Vorwürfe so nicht zutreffen oder sogar erfunden sind, hat er seinem möglichen Anliegen, dem Kampf gegen Antisemitismus, einen Bärendienst erwiesen.

Demonstration gegen Antisemitismus vor dem Leipziger Hotel Westin Foto: picture alliance/dpa | Dirk Knofe
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