Superwahljahr
Wenn aus dem "Verkauf" der "Sale" wird: Dem Ausverkauf der deutschen Sprache Widerstand leisten (Symbolbild) Foto: picture alliance / dpa | Maurizio Gambarini
Wenn aus dem „Verkauf“ der „Sale“ wird: Dem Ausverkauf der deutschen Sprache Widerstand leisten (Symbolbild) Foto: picture alliance / dpa | Maurizio Gambarini

Sprachschmutz und Sprachschutz
 

Nackt unter Wölfen

Der zweite Samstag eines jeden Septembers steht – anders als sein februargeborener Bruder, der Internationale Tag der Muttersprache – nicht im Zeichen des Globalen, Allgemeinen, oder wie man heute gerne pflichtschuldig sagt: der Vielfalt. Der Tag der deutschen Sprache ist stattdessen auf eine herausfordernde Art selbstbezogen, eigenbesonnen, selbst-bewußt.

Vor zwanzig Jahren, 2001, hat der Verein Deutsche Sprache diesen Aktionstag ins Leben gerufen. Seitdem tummelt er sich irgendwo auf halber Strecke zwischen dem 1. Mai, dem Tag der Arbeit, und dem Tag der Menschenrechte, der am 10. Dezember begangen wird. Daten wie den Tag der deutschen Sprache gibt es im Kalendarium offizieller und halboffizieller Denktage beinahe wie Sand am Meer. Der 1. Dezember soll den Blick für die Gefahren durch HIV und Aids schärfen. Der Juni wartet alljährlich mit einem Tag gegen Kinderarbeit auf. Am 7. Oktober steht sogar, von vielen gänzlich unbemerkt, ein Welttag für menschenwürdige Arbeit an – ein kleiner Wink im alltäglichen Einerlei, daß in Sachen Arbeit und Würde das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Solche Kalendereinträge, Jahr um Jahr wiederholt, weisen unermüdlich auf Mißstände wie auch auf Wertvolles und Bewahrenswertes hin, immer in der Gefahr, sich hierbei durch permanente Wiederholung zu verschleißen. Mit dem Tag der deutschen Sprache verhält es sich nicht anders. Doch ebenso wie die anderen Denk- und Aktionstage, die sich durch die Jahresmühle plagen, hat er etwas sehr charmantes an sich: Er erinnert uns verläßlich im 365-Tage-Rhythmus daran, daß es in einer immer beliebiger werdenden Welt Güter gibt, die es wert sind, geschützt zu werden.

Wie ein Terrier verbissen

Daß die deutsche Sprache ein gefährdetes Gut sei, jeden Tag aufs neue, hierzu führen Sprachschützer zumeist die Anglismenflut an, die unablässig in unsere Ohren schwappt. In diesem Punkt haben sie ohne Zweifel recht. Winter- und Sommerschlußverkauf sind längst auf den Müllberg der Geschichte gewandert; stattdessen künden Plakate in den Schaufenstern vom allgegenwärtigen Sale, der uns das Geld aus der Tasche ziehen soll.

Zwar bedeutet diese englische Vokabel auch nichts anderes als das Verramschen textiler Waren, deren Zeit abgelaufen ist oder die eigens und in minderer Qualität für den Wühltisch produziert wurden, aber es klingt eben im Gegensatz zum guten alten SSV und WSV… nun ja, trendy, nicht wahr? Daß mit dem Sale übervorrätiger Kleider gleich die eigene Sprache mitausverkauft wird – die wenigsten Konsumenten scheint es zu jucken.

Das geneigte Käufervolk kaut ja daheim auch unverdrossen von seelenlosen Lebensmittel- und Worterfindern kreiertes Convenience Food – Fertigessen für Faule –, fragt ohne den leisesten Anflug des Sprachprotestes an den Service Points deutscher Bahnhöfe nach dem Zug, schwatzt unablässig in alle erreichbaren I-Phones und freut sich, daß in seinem anglismengetränkten hippen Leben ein Event das nächste jagt, selbst wenn gar keine echten Ereignisse anstehen.

Inzwischen haben sich angloamerikanische Wendungen wie ein Terrier fest in unseren Sprachgebrauch verbissen. Wir freuen uns, wenn wir einen guten Job gemacht haben, und ärgern uns, wenn andere nicht wirklich dasselbe Maß an Engagement zeigen wie wir selbst, ja sich sogar standhaft weigern, zu realisieren, wie nachlässig sie in den Tag hinein leben.

Die deutsche Sprache – nicht nur die Sprache der dauerangeführten Klassikerherren Goethe und Schiller, sondern in all ihrem Glitzern und Funken ebenso diejenige Kleists und Eichendorffs, Stifters und Nestroys, Rilkes und Ringelnatz‘ – liegt zwar nicht krank darnieder, wie einige Überempörte oder vorzeitig Resignierte barmen, aber bläßlich ist sie schon.

Sie zu hegen und zu pflegen, ist allemal angesagt. Ja, auch sie zu schützen. Und das nicht nur gegen ein inflationäres Verwenden flacher Fremdvokabeln, das von einer nachgerade pathologischen Geringschätzung für das Eigene zeugt. Sondern ebenso gegen solche Sprachverhunzer, die der Öffentlichkeit, wie in Münster beobachtet, Ladenschilder bescheren, auf denen gänzlich ungeahndet mediterraneische Spezialitäten angepriesen werden.

Politiker: Der Bock als Gärtner?

In diesem Zusammenhang etwa nach einem Sprachschutzgesetz zu rufen, wie es manche im durchaus besten Willen tun, zeugt allerdings nicht nur von einem seltsam anmutenden Glauben an die Kraft des Verordneten. So etwas zu fordern, bedeutete in letzter Konsequenz, den Bock zum Gärtner zu machen. Denn nicht zuletzt Volkes Vertreter wirken emsig daran mit, unsere Muttersprache zuschanden zu reiten.

Etwa wenn sie in Verhandlungen von Roadmaps faseln, denen es zu folgen gelte, oder wenn sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit Geld in die Hand nehmen und Maßnahmen auf den Weg bringen, die sich laut Politikermund vor allem dadurch auszeichnen, daß sie nachhaltig sind, egal was sie im einzelnen auch beinhalten mögen.

Wohlgemerkt: Dies sind noch vergleichsweise harmlose Beispiele für das so sinnfreie wie hohlschwätzerische Sprachgedrechsel von Politikern, das wie aus Stalinorgeln abgefeuert im Stakkato über unsere Köpfe schwirrt, bis zur totalen wörtlichen Betäubung aller Sinne. Sie können es noch schlimmer. Die Politiker der 1980er Jahre konnte man noch einigermaßen verstehen.

Ab den 90ern hat sich allerdings zunehmend als Polit-Neusprech ein Geschwurbel technokratischer Formeln und Stereotypen durchgesetzt. Zum Beispiel Bundeskanzlerin Merkels Diktum von der Systemrelevanz, ein Begriff, mit dem die öffentliche Diskussion um den Erhalt von Arbeitsplätzen in der deutschen Automobilindustrie vor einigen Jahren an einem absoluten Tiefpunkt anlangte.

Manipulation und Erosion

Die vergangenen Jahre des neuen Jahrtausends schließlich haben das Volk der Sprachnutzer mit einer weiteren Welle sprachlicher Manipulation konfrontiert: Pedantisch in den Laboren politischer Korrektheit herangezüchtete Ideologeme wurden in die freie Wildbahn der gesellschaftlichen Kommunikation geschickt, um ihren vermeintlich weltverbessernden Dienst zu verrichten. Auf diesem Wege ist man weit gelangt, auch indem vertraute, positive Begriffe eigens hierzu besetzt wurden.

Die Vielfalt etwa, die nicht mehr länger eine natürliche ist, sondern für soziale Einfalt der Nivellierten steht. Oder die berühmte Bereicherung, hinter deren freudestrahlender Verkündung der Import vielfältiger (!) Probleme, auch Gefahren steht. Gesellschaftsdesign durch Herrschaft über die Begriffe: Der Fundus hierzu ist längst nicht ausgeschöpft, das große Vorhaben steht erst am Anfang. Wer die möglichen Dimensionen durchdenkt, bekommt schnell das Frösteln.

Inzwischen erleben wir als weiteres Novum die Aufsprengung von Wörtern durch genuin nichtsprachliche Zeichen. Sterne, Unterstriche und Doppelpunkte fressen sich in den Wortbestand, wo das hergebrachte Bewährte als reaktionär, menschenfeindlich gar denunziert wird, machen das Vokabular im Gebrauch unansehnlich. Das von Gender-Ideologen oktroyierte Sprachregime, dem sich das blöde, störrische Schreib- und Sprechindividuum beugen soll, ist ein Minderheitenprojekt. Doch die gesellschaftliche Mehrheit hält trotz ihrer überdeutlichen Ablehnung der durch die Gender-Clique betriebenen Spracherosion allzu still, wo sie besser Hellebarden schleifen sollte, um Grenzen wieder klar zu markieren.

Viele Flachheiten und Verirrungen der Vergangenheit konnte man bislang auskurieren. Manches überlebte sich auch von selbst, weil zu schwachbrüstig geraten. Im Durchreglementieren von Sprache durch eine Minderheit an wichtigen gesellschaftlichen Schaltstellen allerdings ist tatsächlich eine fundamentale Gefahr für unsere Muttersprache gegeben. Für unsere Demokratie zumal.

Sprachschutz ist Demokratieschutz

Was unsere Volksvertreter uns sagen wollen, wenn sie den Mund aufmachen, ist kaum noch zu dechiffrieren. Für die Kreationen von Sprachideologen gilt das umso mehr. „Die Sprache, die da gepflegt wird, ist eine Verschleierungssprache“, hat der verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt  einmal im Gespräch mit dem Verfasser dieser Zeilen zum Sprechgebaren von Politikern festgestellt. „Diese hat sich ganz bewußt ausgebildet, denn Politiker wollen teilweise gar nicht mehr von uns verstanden werden.

Die Damen und Herren Volksvertreter wollen vom Volk nicht mehr auf das angesprochen werden, was sie einmal gesagt haben. Die Gewähr, daß so etwas nicht geschieht, ist immer dann gegeben, wenn man Politiker überhaupt nicht mehr versteht.“ Die deutsche Sprache in die Obhut der Politiker zu geben, damit diese ihr ein gesetzgeberisches Schutzkleid auf den Leib schneidern, hieße, sie nackt unter die Wölfe zu treiben.

Demokratie lebt vom Diskurs. Der wiederum lebt von der Sprache. Davon, daß man einander versteht, selbst wenn man nicht einer Meinung ist. Anglismendurchsetztes Modegeschwafel grenzt ebenso eine große Zahl von Menschen von diesem Diskurs aus, wie das immer schmerzhafter um sich greifende Nullgerede der politischen Klasse letztlich am kommunikativen Fundament der Demokratie nagt.

Davon, daß Ideologeme der Kommunikation im allgemeinen und dem demokratischen Diskurs im besonderen am unseligen Ende den Garaus zu machen drohen, ganz zu schweigen. In diesem Sinne ist der Schutz der deutschen Sprache – durch liebevolle Hinwendung zu ihr, auch im alltäglichen Gebrauch, und durch leidenschaftliche Verteidigung, ganz ohne ein seelenloses Sprachschutzgesetz – sogar ein Stückweit Demokratieschutz.

Wenn aus dem „Verkauf“ der „Sale“ wird: Dem Ausverkauf der deutschen Sprache Widerstand leisten (Symbolbild) Foto: picture alliance / dpa | Maurizio Gambarini
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