Grünen-Chefin Annalena Baerbock Nomminierung als Kanzlerkandidatin
Grünen-Chefin Annalena Baerbock nach ihrer Nomminierung als Kanzlerkandidatin Foto: picture alliance / Associated Press / Annegret Hilse

ProSieben und Tagesthemen
 

Medialer Kanzlerkandidatinnen-Kult

Die Nominierung Annalena Baerbocks zur grünen Kanzlerkandidatin hat unter deutschen Medienschaffenden regelrechte Begeisterungsstürme ausgelöst. Dies galt bei weitem nicht nur für diejenigen Journalisten, die eh schon für ihre Affinität zu den Grünen bekannt sind. Die Staats-Satiriker von der ZDF „heute-show“ reagierten auf die Bekanntmachung aus dem grünen Hinterzimmer mit einem Tweet, der die historische Dimension deutlich machen sollte, die die erste grüne Kanzlerkandidatin für die Redaktion wohl hat. Die inhaltliche Aussage ließ sich in etwa so zusammenfassen: alle doof außer Annalena.

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Wer allerdings glaubte, mit der typisch öffentlich-rechtlichen Wahlwerbung auf Kosten der Gebührenzahler wäre der Gipfel der Anbiederung an die künftige Kanzlerin der Journalistenherzen erreicht, wurde noch am Abend auf dem Privatsender ProSieben eines Besseren belehrt. Diesem hatte Baerbock ihr erstes großen Kanzlerkandidatinnen-Interview zugesagt. Theoretisch eine gute Gelegenheit, für den Heimatsender von Heidi Klums „Germany’s Next Topmodell“ und „Joko & Klaas“ einmal zu bewiesen, daß man nicht nur seichte Unterhaltung und große Emotionalisierung beherrscht, sondern auch echten Journalismus.

Kann man allerdings doch nicht. Das von den Moderatoren Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind geführte Gespräch wirkte eher wie ein launiger Small-Talk unter Freunden als wie ein politisches Interview mit professioneller Distanz zum Gesprächspartner. Es wurde viel gelacht und geschäkert zwischen der grünen Spitzenkandidatin und ihren beiden journalistischen Groupies.

Mehr Berater als Interviewer

Wirklich kritische Fragen zur grünen Politik und deren Umsetzbarkeit blieben weitgehend aus. Teilweise wirkten die zwei Fragesteller, die ProSieben mit Baerbock in die Polit-Arena geschickt hatte, radikaler als die Grünen-Chefin selbst. Mehrfach mußte Baerbock die beiden wilden Haltungsjournalisten darauf hinweisen, daß man in der Demokratie zur Umsetzung idealistischer Ziele immer auch eine gesellschaftliche Mehrheit braucht.

Die Klimakrise sei die „wahrscheinlich größte Herausforderung unserer Zeit“, warnte Bauerfeind und bedauerte, es sei „ein bißchen so wie bei Corona“ – viele wollten „einfach immer weitermachen wie bisher“. Aber „bei der Klimakrise wird das natürlich nicht mehr funktionieren“.

Die grüne Kanzlerin in spe müsse den Leuten die anstehenden Zumutungen ja auch irgendwie verkaufen, sagt die Journalistin, die spätestens jetzt eher wie Baerbocks persönliche Politberaterin klang. Denn: „Wir kriegen das nur kollektiv hin, als Bewegung.“

Wie sie denn glaube, das hinzubekommen, wollte Bauerfeind am Ende ihres Vortrags dann doch noch von der Politikerin wissen. „In dem wir endlich ins Machen kommen“, erwidert die grüne Kanzlerkandidatin und berichtete, daß die Menschen und vor allem auch die Wirtschaft schon viel weiter seien, als die Politik glaube.

Dankbare Vorlagen und Gratis-Applaus

Moderator Mischke hingegen fragte, ob es denn jetzt nicht „an der Zeit“ sei, „daß wir Verbote aussprechen“, zum Beispiel von Inlandsflügen. Doch darauf wollte sich Baerbock vor so vielen Fernsehzuschauern nicht richtig einlassen. Dies hänge aber nicht damit zusammen, daß man es unbedingt vermeiden wolle, erneut in den Ruf einer Verbotspartei zu kommen, versicherte sie.  Ansonsten aber waren sich Gast und Gastgeber weitgehend einig. Dem eigenen Empfinden nach auch mit dem Publikum; sprich den Wählern.

Bauerfeind und Mischke legten vor und die Kandidatin verwandelte. Was von den Flankengebern, vor allem von Bauerfeind, oft mit einem bestätigend „Ja“ und einmal sogar mit einem „total“ honoriert wurde.

Sollte die übertriebenen Freundlichkeiten und die neckisch rüberkommenden Frechheiten der Fragesteller Taktik gewesen sein, in der Hoffnung, auf diese Weise mehr aus Baerbock herauszukitzeln als mit den klassischen harten Bandagen, ist diese Taktik grandios gescheitert. Der Zuschauer hat an diesem Abend nichts von der Grünen-Chefin erfahren, was so ohnehin nicht zu erwarten gewesen wäre. Dafür aber eine perfekte Werbeshow für die Kandidatin. Am Ende des Interviews beklatschen die beiden Journalisten ihre Interviewpartnerin sogar noch.

Nach all der jugendlich anmutenden Kumpelhaftigkeit bei der privaten Konkurrenz wirkte das Baerbock-Interview später am Abend in den ARD-„Tagesthemen“ fast schon wie echter Journalismus.

Zwar wurde das Gespräch eingeleitet von zwei sehr Grünen-freundlichen Filmbeiträgen. Zuerst mit einem, der die frühere Trampolin-Spingerin Baerbock bei ihrem Leistungssport zeigte, um die „gute Kondition“ zu dokumentieren, die sie für das Rennen um das Kanzleramt mitbringt; und dann noch mit einem zweiten, der allen ARD-Zuschauern, die den Grünen vielleicht noch mit etwas Skepsis gegenüberstehen, vor Augen führte, wie vernünftig die einst so chaotische Partei doch inzwischen geworden sei.

Feier-Kommentar zum Abschluß

Aber immerhin ließ sich Caren Miosga nicht so einfach mit allzu simplen Politiker-Floskeln abspeisen wie die beiden Leichtgewichtler von der privaten Konkurrenz. Das beharrliche Nachhaken und Unterbrechen der Interviewpartnerin, das sonst durchaus auch mal etwas aufgesetzt und einstudiert wirkt, hatte im Vergleich zum journalistischen Totalausfall beim Sender mit der roten Sieben direkt etwas Befreiendes.

ine klare Antwort auf die Frage, was denn nun letztendlich den Ausschlag gegeben hätte, daß nicht Robert Habeck, sondern sie für die Grünen bei der Bundestagswahl die Kanzlerschaft anstreben soll, bekam Miosga von Baerbock aber trotzdem nicht. „Die Frage der Emanzipation hat eine große Rolle gespielt“, war das, was die Auserkorene noch am ehesten bereit war, zu verraten.

Abgerundet wurde der große Annalena-Baerbock-Abend dann zum Schluß mit einem Kommentar, in dem ARD-Hauptstadtstudio-Redakteur Frank Jahn auch für den Letzten noch einmal zusammenfaßte, warum Baerbock als Kanzlerkandidatin so eine erfrischende und kluge Wahl ist.

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Bei einer solchen journalistischen Landschaft können sich die Grünen einen intensiveren Bundestagswahlkampf mit Wahlwerbung, Plakaten und Wahlspots eigentlich sparen.

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