Atomkraftwerk
Kernkraftwerk Gundremmingen im bayerischen Landkreis Günzburg Foto: picture alliance/Stefan Puchner/dpa

Energiewende und Atomkraft
 

Ohne Not ausgeklinkt

Kurz vor dem geplanten endgültigen Abschied scheinen die Deutschen doch noch zu entdecken, was sie an der Kernenergie hatten. „Ja, auf jeden Fall“, antworten mehr als fünfzig Prozent auf die Frage, ob Deutschland „zum Gelingen der Energiewende wieder verstärkt auf Atomkraft setzen“ solle. Zusammen mit den „Eher ja“-Stimmen sind das fast sechzig Prozent dafür, nur 27,5 Prozent sind strikt dagegen.

Die Aussicht auf einen kalten Winter mit explodierenden Energiepreisen, wachsender Versorgungsunsicherheit und drohenden Blackouts hat den Umdenkprozeß zweifellos befördert. Dabei ist die Einsicht, daß es sich bei dem vor zehn Jahren durch die Regierung Merkel übers Knie gebrochenen Atomausstieg um einen Jahrhundertfehler handeln könnte, keineswegs neu.

Schon vor mehr als zwei Jahren hat Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle die Rückkehr zur Atomkraft gefordert und sich über die lässige Faktenignoranz der deutschen Politik echauffiert. „Frankreich hat Glück, denn Frankreich hat Atomkraft“, freut sich Staatspräsident Emmanuel Macron und verkündet ein 30-Milliarden-Investitionsprogramm für den Bau vor allem kleiner, dezentraler Reaktoren. Der britische Premier Boris Johnson will in den kommenden Jahren mindestens ein weiteres Kernkraftwerk im Süden der Insel errichten lassen.

Mit Frankreich drängen neun weitere ost- und nordeuropäische Staaten auf EU-Initiativen zum Ausbau der Atomenergie. Rund um den Globus setzen Industriestaaten zur Absicherung ihrer Energieversorgung auf den Bau neuer Kernreaktoren. Während sich die deutsche Politik und ihre Sekundanten aus den Abteilungen Medien und „Die Wissenschaft“ wechselseitig versichern, Deutschland werde für sein Experiment des Totalausstiegs von der ganzen Welt beneidet, schlägt ebendiese Welt die entgegengesetzte Richtung ein.

Energiewende-Deutschland ist für globale Wettbewerber weniger Vorbild denn kauziger Sonderling. Nicht ohne süffisanten Unterton bot Milos Zeman, Präsident der Tschechischen Republik – die gerade ihren Atomenergie-Anteil von einem Drittel auf rund die Hälfte ausbaut – dem deutschen Amtskollegen Steinmeier Stromlieferungen „zu einem vernünftigen Preis“ an, sollte es in Deutschland aufgrund der Energiewende zu einem „Mangel an Elektrizität“ kommen.

Mitten in der Energiekrise

Das könnte schon bald zum Regelfall werden. Deutschland steckt bereits mitten in einer Energiekrise. Man mag politisch beschließen, Kohle- und Atomstrom gleichermaßen für des Teufels zu erklären, die physikalischen Fakten halten sich nicht an grünes Wunschdenken und ideologische Planbeschlüsse.

Fakt ist: Deutschland hat keine alternative Energieversorgungsstruktur, um die Ausfälle an sicherem und bezahlbarem Strom aufzufangen, die durch die Abschaltung der letzten Kohle- und Atomkraftwerke unweigerlich entstehen. Der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energiequellen, also Wind- und Solarstrom, ist wissenschaftlicher Voodoo-Glaube. Ob in Deutschland nun 30.000 oder 350.000 Windkraftanlagen stehen – wenn kein Wind pfeift, liefern sie keinen Strom, ganz abgesehen davon, daß die Flächen dafür gar nicht vorhanden sind.

Auch hinsichtlich des Flächenbedarfs und der Bodenversiegelung in Relation zur erzeugten Strommenge sind Kernkraftwerke konkurrenzlos überlegen, während Wind- und Solarkraft das Schlußlicht bilden. Erdgaskraftwerke, die von den Apologeten des Totalausstiegs seit neuestem als Notnagel zur Abfederung des „Übergangs“ beschworen werden, können dieses Versprechen nicht halten: Die steigende globale Nachfrage treibt die Preise in unerschwingliche Höhen, und die Abhängigkeit vom Hauptlieferanten Rußland würde zur Erpreßbarkeit.

Die deutsche Energiepolitik hat sich in eine Blockade der ideologischen Widersprüche verrannt. CO2-Emissionen sollen auf Null gebracht werden, steigen aber durch den Atomausstieg sogar an. Das deutsche Energie-Bullerbü hat in einer gigantischen Fehlallokation von Ressourcen eine nicht praxistaugliche Struktur von Windspargelwäldern und Solarspiegelfeldern aufgebaut, die Strompreise auf Rekordhöhen getrieben, energieintensive Industriebranchen ins Ausland vertrieben und ist doch für die Aufrechterhaltung ihrer Illusionen zunehmend auf Importe von Kohle- und Atomstrom angewiesen. Man muß schon glaubensfest sein, um darin einen Beitrag zum „Klimaschutz“ zu entdecken.

An Tradition anknüpfen

Dabei wäre das Dilemma einfach aufzulösen. Nicht nur Frankreich und Großbritannien, auch die internationale Atomenergieagentur IAEA und der Weltklimarat IPCC, sie alle betrachten Kernenergie als saubere, CO2-neutrale und klimaschützende Energieform. Der deutsche Diskurs um die Atomenergie ist jedoch in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts steckengeblieben. Tschernobyl und Fukushima gelten bis heute als Menetekel des „Atomkraft, nein danke“, obwohl Katastrophen dieser Größenordnung nach dem Stand deutscher Technologie und Sicherheitstechnik weder damals noch heute möglich gewesen wären.

Die einseitige Fixierung auf Sicherheits- und Entsorgungsprobleme ignoriert nicht nur die beträchtlichen Kollateralschäden durch die vermeintlich sauberen Alternativenergien, sondern auch den technologischen Fortschritt, aus dem Deutschland sich ohne Not schon vor Jahrzehnten ausgeklinkt hat. Reaktoren der neuesten Generation haben nicht nur drängende Sicherheitsfragen in Betrieb und Rohstoffversorgung gelöst, sondern auch Antworten auf die Entsorgung des Atommülls von gestern, der heute als Brennstoff der Zukunft gelten kann.

Der „Schnelle Brüter“ von Kalkar am Niederrhein, über den die Politik vor dreißig Jahren den Stab gebrochen hat, ist ein unübersehbares Mahnmal der deutschen Verirrung. Mit der Technologie, die dort nie in Betrieb genommen wurde, haben russische Kraftwerksbauer inzwischen die industrielle Führungsrolle übernommen.

Es wird schwer, aber nicht unmöglich, an die Tradition nuklearer Hochtechnologie made in Germany wieder anzuknüpfen. Kalkar ist bis heute eine der größten Investitionsruinen Deutschlands und fristet sein Dasein als Freizeitpark. Soll das Industrieland Deutschland nicht in Gänze dieses Schicksal erleiden, führt an der Kehrtwende zum „Atomkraft, ja bitte“ kein Weg vorbei.

JF 43/21

Kernkraftwerk Gundremmingen im bayerischen Landkreis Günzburg Foto: picture alliance/Stefan Puchner/dpa
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles