Teil-Lockdown mit Folgen für die Gastronomie
Teil-Lockdown mit Folgen für die Gastronomie Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON
Corona-Maßnahmen

Die Zweifel am Lockdown als Ultima ratio mehren sich zu Recht

Einige Wochen nach dem von Bund und Ländern beschlossenen Teil-Lockdown stabilisiert sich die Sieben-Tage-Inzidenz, doch die Todeszahlen bleiben auf hohem Niveau, weil sich immer mehr ältere Personen infizieren. Es sind in Deutschland schätzungsweise mehr über 100jährige an Corona gestorben als unter 40jährige, und ein Großteil der mehr als 16.000 mit oder an Corona Verstorbenen war älter als 80 Jahre. Angesteckt haben sie sich häufig in Pflegeheimen und Kliniken. Europaweit läßt sich nun eine Tendenz zur Übersterblichkeit für Altersgruppen der über 60jährigen feststellen.

Doch der vor allem vom Kanzleramt forcierte Teil-Lockdown führt immer mehr zu massiver Kritik bei verschiedenen Ärztegruppen und Ökonomen. War und ist diese Kritik berechtigt?

In einem Positionspapier mit dem Titel „Evidenz- und Erfahrungsgewinn im weiteren Management der Covid-19-Pandemie berücksichtigen“ stellten sich die Virologen Hendrik Streeck, Jonas Schmidt-Chanasit, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und weitere Ärztevereinigungen gegen den Ansatz, „reflexartig“ wieder auf Lockdowns zu setzen. Selbst bei niedrigen Fallzahlen hätten die Gesundheitsämter das Infektionsgeschehen nicht vollkommen nachverfolgen und eindämmen können, nur ein Viertel aller positiven Corona-Fälle konnte bisher einem Umfeld oder einem Cluster zugeordnet werden.

Fokussierter Schutz der Risikogruppen

Mit dem Ansteigen der Fallzahlen mußte man jedoch rechnen: „Bedingt durch die Saisonalität des Infektionsgeschehens, die Verlagerung der Aktivitäten von draußen nach drinnen sowie die erhöhte Infektanfälligkeit in den Herbst- und Wintermonaten ist mit höheren Fallzahlen als im Frühjahr und Frühsommer zu rechnen.“

Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Kassenärzte, Andreas Gassen, forderte „zielgerichtete Maßnahmen“ zum Schutz von Hochbetagten und Menschen mit Vorerkrankungen, die ein größeres Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs haben. „Das Prinzip Gießkanne funktioniert nicht. Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar.“

Auch der Internist Matthias Schrappe, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit und Co-Autor zusammen mit acht weiteren Kollegen des Positionspapiers „Die Pandemie durch SARS-CoV-2/CoViD-19 Zur Notwendigkeit eines Strategiewechsels“, sagte kürzlich der Bild-Zeitung, daß die Erreichung einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 pro 100.000 Einwohner ein völlig irreales Ziel wäre, welches man kaum innerhalb der Wintermonate erreichen könne.

Schrappe warnt vor „unendlichem Lockdown“

Sollte die Politik diesen Wert von 50 oder 35 dauerhaft unterschreiten wollen, warnt Schrappe vor einem „unendlichen Lockdown“. Die jetzigen Maßnahmen stützen sich auf Zahlen, die „das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben sind“. Die Dunkelziffer der Infizierten sei extrem hoch, weil es sich teils um eine asymptomatische Krankheit handele, bei der viele Träger nichts von ihrer Infektion wüßten; deshalb wären die Infektionszahlen des Robert-Koch-Instituts „vom Nebel nicht weit entfernt“, schreiben die Fachleute.

„Wir testen eineinhalb Millionen Menschen in der Woche und haben dann meinetwegen 120.000 Positive. Aber wenn wir zweieinhalb Millionen testen würden, wie viele hätten wir dann? Wir sind im Bereich der Mutmaßung, es werden Grundrechte eingeschränkt. Als Wissenschaftler und als Bürger halte ich das für ein Unding.“

Corona-GrafikBei den Hoch-Risikogruppen wie älteren Menschen, etwa in Pflege- oder Seniorenheimen, fordert Schrappe mit einem Kurswechsel Neues auf den Weg zu bringen. Beispielsweise könnten Studenten Abstriche vor Alten- und Pflegeheimen durchführen und bei einem negativen Testergebnis stünde dem Besuch der Eltern und Großeltern dann nichts mehr im Wege.

Durch den Anstieg der Zahl der intensivpflichtigen Covid-19-Patienten kam es zu einer verringerten freien Intensivkapazität in den Kliniken und vereinzelt wurde in den vergangenen Tagen über lokale Engpässe berichtet. Stand 1. Dezember werden von den 22.150 belegten Intensivbetten in Deutschland 3.919 COVID-19 Patienten zugeordnet mit 5.460 freien Intensivbetten sowie einer Notfallreserve von 11.783 Betten vermeldet.

Eine hochkritische Situation trat nicht ein

Eine insgesamt hochkritische Situation ist somit nicht eingetreten, zumal der Anstieg von Covid-19 Intensivpatienten momentan gestoppt scheint. Kritisch zu hinterfragen ist, warum die verfügbare Gesamtkapazität an Intensivbetten in den vergangenen Monaten deutlich abnahm. Häufig wurde Personalmangel als Grund angeführt, jedoch kann vermutet werden, ob es sich hier nicht um Intensivbetten handelt, die im Krankenhausplan so ausgewiesen sind, für die öffentliche Fördermittel geflossen sind, und für die während des ersten Lockdowns auch Freihalte-Prämien ausgelobt wurden.

Positiv zu vermerken ist, daß über den gesamten Zeitverlauf der Pandemie es zu einer Abnahme der Beatmungsrate und vor allem der Mortalität der intensivpflichtigen Covid-19-Patienten gekommen ist, nun vergleichbar mit der Sterblichkeit einer gewöhnlichen Lungenentzündung im Krankenhaus. Gemäß der großen Metaanalyse von Levin et al. 2020 steigt die „infection fatality rate“, also die Sterblichkeit bezüglich der Gesamtheit der Infizierten von nahe null auf 0,4% Prozent im Alter von 55 Jahren bis 14 Prozent im Alter von 85 Jahren.

Im Vergleich zur Bevölkerungsgruppe unter 60 Jahre kann man also von einem hundertfach höheren Sterberisiko in dieser Altersgruppe ausgehen. Damit sollte sonnenklar sein, welche Altersgruppe intensiv zu schützen ist und daß hier alle Kräfte zu fokussieren wären. Daß Restaurants, Bars, Theater, Kinos, Sportplätze und Schwimmbäder allesamt geschlossen wurden – und damit ausgerechnet Einrichtungen, die sich noch mit am besten auf die Hygieneregeln zur Corona-Abwehr eingerichtet haben, ist fragwürdig, da zudem die über 80jährigen in der Regel sich dort nicht aufhalten und aufhalten müssen.

Es gibt erfolgreiche Teststrategien

Irritierend ist, daß die Vorsorge bezüglich der ambulanten Pflege völlig versäumt wurde, die Alten- und Pflegheime nicht wirklich vorbereitet, das Personal nicht ausreichend geschult wurde und  Schutzmaterial fehlte oder jetzt wieder fehlt. Man fragt sich, warum der stationäre und ambulante Pflegedienst nicht zumindest einmal die Woche getestet werden. Oder auch warum Kinder draußen nicht mehr Fußball spielen dürfen, aber bei geöffneten Fenstern in vollen Klassenzimmern sitzen und lernen sollen, ist auch kaum nachvollziehbar.

Wir wissen doch spätestens seit der Übersichtsarbeit „COVID-19: The engines of SARS-CoV-2 spread“ der Epidemiologin Elizabeth Lee von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, daß ein Großteil der Sars-CoV-2-Infektionen vermutlich auf Haushalte entfällt. Eine große Untersuchung aus Südkorea kam nach der Analyse von mehr als 59.000 Fällen zu dem Schluß, daß die Ansteckungsgefahr in einem Haushalt sechsmal höher ist als bei anderen engen Kontakten.

Corona-Grafik„Dies steht im Einklang mit der Tatsache, daß der Kontakt im Haushalt eine Hauptursache für die Übertragung anderer Atemwegsviren ist“, betonen die Autoren. Ein vergleichbar hohes Risiko hätten auch sonstige Einrichtungen mit engem Zusammenleben wie Gefängnisse, Sammelunterkünfte und Pflegeeinrichtungen.

Die konsequente Verfolgung von sogenannten Superspreading-Events – also wenn ein Infizierter bei einem Ereignis viele Menschen ansteckt wie in der Vergangenheit bei Chorproben, Gottesdiensten, Hochzeiten oder fleischverarbeitenden Betrieben – warum hat man sich nicht darauf fokussiert? Warum kopiert man nicht die Teststrategie der erfolgreichen ostasiatischen Länder und kontrolliert mit Schnelltests regelmäßig Kliniken, Pflegeheime oder Schulen und isoliert die positiv Getesteten?

Entscheidungen politischer Natur

Haben wir dazu keine Ressourcen? Oder gibt es etwa Vorschriften im Kleingedruckten, die das erschweren? Aber gleichzeitig lassen wir zu, daß unser Grundgesetz deformiert wird? Warum kopiert man nicht das moderate Modell der Schweiz. Dort hat man nicht das Gefühl, daß Politiker dem Aktivismus verfallen und trotzdem der Pandemie hinterherlaufen.

Die Kritik der Virologen Streeck, Schmidt-Chanasit oder auch der Gruppe um Professor Schrappe an den Maßnahmen der Bundesregierung ist fachlich gerechtfertigt. Die vom Kanzleramt gewählten Inzidenzwerte für die Entscheidungen für Maßnahmen beispielsweise sind aufgrund der unsicheren Zahlenbasis weniger medizinischer, sondern politischer Natur.

Das in vielen Ländern praktizierte Ampelsystem, welches auch die Situation der Intensivstationen und weitere Parameter beinhaltet, ist eine sinnvolle Alternative. Neben der Impfung, die, in welcher Form diese auch immer kommen wird, ist ein flächendeckendes, aber zielgerichtetes Testen mit Schnelltests ein Schlüssel zur Eindämmung und Kontrolle des Virus, welches uns noch für Jahre begleiten wird.

Die Aufrechterhaltung der Akzeptanz der Maßnahmen, eine der wertvollsten Ressourcen in der Pandemiebekämpfung, sollte nicht mit widersprüchlichen und unüberschaubaren Regeln zerstört werden. Eine Eindämmungsstrategie sollte nicht nur die Gesundheit und die Wirtschaft sichern, sondern diese Ziele mit unserer im Grundgesetz manifestierten Freiheit in Einklang bringen.

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