Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa
Coronavirus

Spahns Versagen

Gesundheitsminister Jens Spahn, der ja bei der CDU gerne den großen Macher gibt, hätte in diesen Tagen die Chance gehabt, zu glänzen und sich für höchste Ämter im Staat zu empfehlen. Dafür hätte er als oberster Gesundheitsbeamter des Staates nur zwei Dinge tun müssen: erst informieren und dann handeln.

Zuerst einmal hätte Spahn die Bürger über die wahren Gefahren der Coronavirus-Pandemie aufklären müssen. Er hätte also sagen müssen, daß die Corona-Pandemie nicht mehr aufzuhalten ist, daß aus heutiger Sicht 25 bis 70 Prozent der Bevölkerung eines Landes, in dem es Corona-Fälle gibt, sich mit dem Virus infizieren werden. Bei 80 Prozent der Infizierten wird die Erkrankung milde verlaufen, weitere 15 Prozent werden stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen, während fünf Prozent auf die Intensivstation kommen.

Schlimmste Seuche seit der Spanischen Grippe

Spahn hätte allerdings auch sagen müssen, daß nach den aktuellen Angaben des Robert-Koch-Instituts in Berlin bei ein bis zwei Prozent der Infizierten die Erkrankung tödlich verlaufen wird und das Virus somit erheblich tödlicher ist als die Grippe. Wenn sich also ein Viertel der deutschen Bevölkerung mit Sars-CoV-2-Virus, wie dieser neue Stamm des Corona-Erregers heißt, infizierte, dann wären das bei einer Letalitätsrate von einem Prozent in Deutschland immerhin schon über 200.000 Tote.

Spahn hätte weiter sagen müssen, daß vor allem Menschen über 80, die zusätzlich an Diabetes und Bluthochdruck leiden oder anderweitig angeschlagen sind, stark gefährdet sind, während Gesunde unter 50 es normalerweise nicht sind. Und Spahn hätte endlich sagen müssen, daß das keine Sars-Pandemie wie 2003 und keine Vogelgrippe wie 2004 ist, zwei Seuchen, die ihren Ausgang übrigens auch in China nahmen – sondern eine seit der Spanischen Grippe von 1918 nie dagewesene Epidemie, die eine Bedrohung für die ganze Welt darstellt und Ärzte, Gesundheitsbehörden und Kliniken vor Aufgaben stellt, die es bislang nicht gegeben hat und auf die sie nicht vorbereitet sind.

Der Gesundheitsminister hätte aber nicht nur reden, sondern auch etwas tun müssen. Grundsätzlich hätte er erst einmal das deutsche Gesundheitswesen auf das vorbereiten müssen, was da kommen könnte. Er hätte Quarantänemaßnahmen für Reisende aus Hochrisikoländern wie eben China anordnen und eine mögliche Schließung von Schulen, Universitäten, Flughäfen, Ämtern, Sportstadien, Konzerthallen, Kinos und Theatern zumindest planen sollen.

Politiker in anderen Ländern haben besser reagiert

Weiter wären an die Menschen klare Anweisungen zu erteilen gewesen, wie mit Infizierten umzugehen ist und was Ärzte und Kliniken mit denjenigen tun sollen, bei denen ein Verdacht auf Infizierung besteht, damit es den Leuten nicht so geht wie dem Berliner, der vergangenen Sonntag mit Fieber in die Charité eingeliefert wurde, wo erst eine Hirnhautentzündung vermutet und dann eine Influenza diagnostiziert wurde, worauf man den Patienten wieder nach Hause schickte.

Erst als der Mann wieder daheim war, stellte sich heraus, daß er Sars-CoV-2 im Blut und inzwischen mit 60 Personen Kontakt gehabt hatte, was jetzt Krankenhaus für ihn und Quarantäne für alle anderen bedeutete, auch für die betroffenen Ärzte, die während der Behandlung des Patienten keine Schutzkleidung getragen hatten. Spahn und sein Ministerium hätten schließlich ein Notfall-Paket für die deutschen Gesundheitsbehörden erarbeiten müssen, welches sicherstellt, daß eine flächendeckende Versorgung mit Schutzanzügen, Handschuhen, Atemmasken und Notfall-Beatmungsgeräten gegeben ist.

Aber der Mann, der gerne zusammen mit Armin Laschet zukünftig die CDU führen möchte und sich selber für erstklassiges Kanzlermaterial hält, hat nichts davon getan. Das einzige, was man von Spahn bislang gehört hat, waren nicht Anweisungen, was jetzt zu tun wäre, sondern im Gegenteil Aussagen, was jetzt alles nicht zu tun sei. Während in China, Italien, Frankreich und Großbritannien Politiker und Behörden schnell und entschieden handelten und die Polen sogar ein eigenes Virus-Gesetz verabschiedeten, das Präventionsmaßnahmen gegen eine Ausbreitung des Coronavirus erleichtert, hat Spahn insistiert, daß die Schließung von Grenzen unnötig, die Absage von Großveranstaltungen überflüssig und die Beurlaubung von Firmenmitarbeitern nicht ratsam sei, weil all das nicht verhältnismäßig und angemessen sei.

Wie ein Hilfsbuchhalter nach der Firmeninsolvenz

Wer jetzt denkt, daß das Wahnsinn sei, der wird erkennen, daß dahinter Methode steckt. Denn Deutschland ist ja seit langem schon auf Katastrophen nicht vorbereitet. Weder ist die Bundeswehr in der Lage, das Land zu verteidigen, noch können Polizei und Grenzschutz die deutschen Grenzen schützen. Jetzt zeigt sich wieder einmal: In einer Konsensgesellschaft, in der sich alle hauptsächlich mit den Problemen beschäftigen, die in den tausend Jahren vor 1945 entstanden sind, ist der Ernstfall nicht vorgesehen, weshalb Katastrophen entweder geleugnet, jedenfalls aber verharmlost und die davon betroffenen Menschen stets beschwichtigt werden.

Nichts, was den Bürgern schadet, ist jemals schlimm, weil unser aller „tiefstes Anliegen“, wie Merkel erst Montag gesagt hat, nicht Armut, Krankheiten oder Seuchen, also die Sorgen normaler Menschen sind, sondern der permanente Kampf gegen „Rassismus und Islamfeindlichkeit“, zwei Scheinriesen, unter deren schwarzen Schatten jede Diskussion über alles andere im Keim erstickt wird.

Nun ist man Zaudern, Zögern und die Unfähigkeit, im Ernstfall zu handeln, von Merkel ja gewohnt, das ist das tägliche Brot ihrer Politik. Von Spahn aber kannte man das bislang so nicht. Der hat nun allerdings gezeigt, daß in ihm soviel Mumm und Entschlossenheit steckt wie in dem Hilfsbuchhalter, der nach der Insolvenz seiner Firma immer wieder ausruft: Aber es war doch alles immer in Ordnung!

JF 11/20

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa

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