Corona-Krise
Helfer der Heidelberger Feuerwehr organisieren die Verteilung von Schutzkleidung Foto: picture alliance
Deutschland in der Corona-Pandemie

Disziplin und Besonnenheit als Tugenden in der Krise

Wo bleibt das Positive? Fangen wir klein an. Die junge Dame, die mir gewöhnlich die Haare schneidet, teilte mir kurz nach Beginn des Shutdown höflich mit, daß mein Termin leider ausfallen werde und sie mir auch keinen neuen geben könne. Ich bedankte mich, wenngleich ich natürlich wußte, welche Dienstleistungsbereiche von den Schließungen betroffen waren und sich die Information eigentlich erübrigte. Sehr wahrscheinlich, daß sie ihren letzten regulären Arbeitstag mit solchen Telefonaten verbracht und immer noch für jeden Kunden ein „Bleiben Sie gesund!“ übrig hatte.

Ähnliches haben wohl die meisten erlebt. Aber selbstverständlich sind das Petitessen. Sie fallen kaum ins Gewicht, angesichts der existentiellen Gefährdungen, der Mißhelligkeiten und Belastungen, denen viele ausgesetzt sind, dem Unverständnis angesichts einer schwer durchschaubaren Lage und den Zumutungen durch die Obrigkeit, die nicht immer plausibel erscheinen.

Unser funktionierendes Gemeinwesen ist nicht selbstverständlich

Aber das sollte nicht davon ablenken, jenes Mindestmaß an Dankbarkeit zu empfinden, für das Funktionieren eines Gemeinwesens,
• dessen Bevölkerung ein erstaunliches Maß an Zusammenhalt und Disziplin an den Tag legt,
• das immer noch über eine Beamtenschaft und öffentliche Verwaltung verfügt, die im Zweifel und unter Druck ihre Pflicht tut,
• das auf Spezialisten zurückgreifen kann, die wissen, wovon sie sprechen,
• das ein Gesundheitswesen glücklicherweise noch nicht so kaputtgespart hat – im Namen von Effizienz und Privatisierungsvorteil -, daß es in dieser Lage funktioniert,
• getragen von Ärzten, Rettungs- und Pflegepersonal, die sowieso schon – meistens unbedankt und unterbezahlt – am Rande ihrer Kräfte gearbeitet haben, und nun sogar noch mehr leisten.

Wer das alles für selbstverständlich hält, sollte nur einen Blick auf unsere Nachbarländer werfen. Die Formschwäche Italiens, Spaniens oder Frankreichs kann nur denjenigen überraschen, der ernsthaft geglaubt hat, daß die dortigen Verhältnisse den hiesigen entsprechen, da wir alle irgendwie „Europäer“ sind.

Eine Bewertung der Maßnahmen muß nach der Krise erfolgen

Wer die Probleme in Großbritannien und den USA sieht, muß sich fragen, ob das dauernde Schielen der Deutschen auf die anderen, die es angeblich besser machen, seinen Sinn hat. Ob wir nicht mit unserem Mittelweg – ganz gleich, ob man den Ordoliberalismus, Soziale Marktwirtschaft oder Rheinischen Kapitalismus nennt – besser liegen, als die Anhänger des Betreuungsstaates oder der Auslieferung des einzelnen an Situationen, die für ihn mörderisch sind, sobald ihm die finanziellen Mittel fehlen.

Selbstverständlich werden wir erst nach dem Ende der Krise erkennen, welche Maßnahmen tatsächlich notwendig waren, welche nicht, welche überzogen waren, welche nicht. Selbstverständlich wir es Krisengewinnler geben, die aus Notlagen ihren Vorteil ziehen. Selbstverständlich gibt es politische Absichten, die im Windschatten der jetzigen Abläufe verfolgt werden. Selbstverständlich ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, daß der Durchgriff von oben auf Dauer gestellt wird.

Aber bei alledem sollten wir nicht verkennen, daß in der gegenwärtigen Situation totalitäre, autoritäre, populistische, liberale und linke Regime ziemlich ähnliche Maßnahmen für unumgänglich halten. Angesichts dessen sollten alle diejenigen, die eine Neigung zu Verschwörungstheorien haben, noch einmal darüber nachdenken, ob es klug und dienlich und patriotisch ist, sie in Umlauf zu setzen. Dasselbe gilt für die, die meinen, daß nichts von dem, was die Etablierten, die Regierung, die Merkel tun, gut und richtig sein kann. Sind Volk und Vaterland in Gefahr, gibt es nur eine Parole: Close the ranks – Schließt die Reihen!

Helfer der Heidelberger Feuerwehr organisieren die Verteilung von Schutzkleidung Foto: picture alliance

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