Blick auf die zerstörte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin Foto: picture alliance/akg-images
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Deutsche Christen und Nationalsozialismus

Das Kainsmal

Vor jetzt fast 40 Jahren ging ich mit meiner Mutter Elfriede ins Kino. Der Film handelte von der „Weißen Rose“ und endete mit der Hinrichtung Sophie Scholls im Februar 1943. Sie war damals wenig jünger als meine Mutter. Nach langem, schweigendem Nachhausemarsch fragte sie mich: „Glaubst Du an eine Kollektivschuld?“ Nein, ich glaube Schuld ist notwendig etwas Individuelles, das im Dunkel des Kollektivs konturlos verschwindet.

Eine Zeit später begegnete ich, inzwischen antifaschistischer Autor, einem Familiengeheimnis. Elfriede, mit einem katholischen Essener Lehrer verheiratet, hatte mit ihm um 1943 ein KLV-Lager im sog. Reichsprotektorat Böhmen und Mähren geleitet. Die „Kinderlandverschickung“ brachte unsereins in Sicherheit vor den Massenvernichtungsangriffen der Royal Air Force. Das Schullager war untergebracht im Gebäude einer vorherigen Geisteskrankenanstalt.

Diesbezüglich hatte nun ich eine Frage, wieder nach längerem Schweigen: „Was habt ihr – mein Vater und Du – geglaubt, wo die Insassen geblieben sind?“ An rein gar nichts hatten sie geglaubt, man war von soviel anderen Sorgen geplagt. Kann das sein?

Was wußten die deutschen Christen?

In Essen gab es eine gleiche, wohlbekannte Anstalt, das Franz-Sales-Haus. Von dort sind über 800 von 1.000 Kranken im Rahmen des „T4 Programms“ verschleppt worden, der Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“. Sie standen unter der Obhut eines katholischen Prälaten, Monsignore Schulte-Pelkum, ein Mittsechziger, seit dreißig Jahren Direktor. Er wußte bescheid, was das Los der Kranken war, wie im übrigen die Katholiken des Rhein-Ruhr-Gebiets, denn Bischof Graf von Galen, der „Löwe von Münster“ hatte dies seit 1941 von der Kanzel der St. Lamberti Kirche spektakulär angeprangert. Ausmordung der Insassen einer katholischen Einrichtung, vom Klerus geführt – wie verhält sich dazu die Gemeinschaft der Gläubigen, die Zeugen Christi?

Wie gesagt, sie bangten im Bombenhagel – verharmlosend „Ruhrschlacht“ geheißen (wo denn hatte unsereins sein Schlachtschwert ?) – um ihr Entkommen. Rund 8.000 Ziviltote blieben in der Stadt auf der Strecke, das Zehnfache ihrer Euthanasieopfer. Aber wie will man diese zwei Opfergruppen sinnvoll in ein Verhältnis zueinander setzen?

Willkommen als Überläufer

Als ich 2002 ein Buch über den Bombenkrieg veröffentlicht hatte, begegnete ich im Haus Joachim Fests einem langjährigen CDU Ministerpräsidenten und Katholikenfunktionär, der mich ungern in seinen Kreisen vorfand, denn „Sie! Sie machen aus einem Tätervolk ein Opfervolk.“ Tätervolk? Existiert eine Tat namens Volkszugehörigkeit? Für Nazis überhaupt keine Frage: „Slawische Untermenschen!“

Dazumal seit 20 Jahren in der Sparte NS-Verbrechensschilderung unterwegs, fand ich mich unversehens ins Lager der Verharmloser und Relativierer gestoßen, wo mir freundlicher Empfang winkte, wie allen Überläufern. Nachträglich betrachtet kein so ungewöhnlicher Vorgang, weil inzwischen die gesamte Bundesrepublik dahin übergelaufen ist.

Vor 20, 30 Jahren, in der Ära der Nolte-Hillgruberjagd, galt eine Relativierungsfatwa: Vergleiche nicht Unvergleichbares. NS-Unrecht ist nicht in die Gewohnheitsverbrechen der Menschheit einzureihen, es ist singulär. Inzwischen gilt jeder, der eine restriktive Einwanderungspolitik befürwortet als Nazi. Da sie in der halben Welt praktiziert wird, gehört jeder zweite Weltbürger dazu, der „Führer“ würde staunen. So weiß jetzt in Ex-Nazi-Land kaum noch jemand, was überhaupt ein Nazi ist. Immerhin, ich weiß es eigentlich auch nicht!

Wo beginnt Mittäterschaft?

Die von den Besatzern 1946 installierte Entnazifizierung teilte unser Volk in Schuldige, Profiteure, Mitläufer und Entlastete ein, welch letztere ursprünglich die kleinste Gruppe darstellte; alles bemühte sich hektisch, Mitläufer gewesen zu sein, bevor die Meinung siegte, daß die ganze Kategorisierung Unfug ist. In der Deutschen Demokratischen wie in der Bundesrepublik kam es nicht darauf an, wer früher mit den Falschen mitgelaufen war, sondern wer jetzt mit den Richtigen lief. Damit erledigte sich auch die Schuldfrage, die Reichsbürger waren daraus entlassen auf Bewährung.

Genauso wird es von den allermeisten Unrechtsnachfolgestaaten gehandhabt, im Wiedervereinigungsdeutschland bis auf den heutigen Tag, womit mir eine weitere Relativierung unterläuft, weiter unten bemühe ich mich um Klärung. Zunächst will ich mir klarwerden, woran bemißt sich meiner Eltern, des Monsignore Schulte-Pelkum, der Essener Christengemeinde Schuld? Wo beginnt Mittäterschaft, wo solche durch Unterlassung, wo das feuchtwarme Milieu der Sünde?

Ich fand vor fünf Jahren eine Postkarte meines 42jährigen Vaters aus dem Reichsprotektorat an seine noch an der Ruhr weilende Frau. In dem geräumten Anstaltsgebäude stand alles zum besten, die Verpflegung war gut, die Stimmung auch, froher als unter dem Fallbeil der Bomben. Natürlich schreibt man nicht per Karte, „durch Beseitigung der Lebensunwerten ist Raum genug für uns Evakuierte.“ Die Tat war vermutlich bereits geschehen, jedenfalls nicht zu verhindern, die Mörder fragten niemanden um Rat; ich weiß, daß mein Vater gebeten hätte, geht es nicht auch anders?

Kreuzzug gegen das barbarische Tätervolk

Er war wie so viele Ungefragte in Deutschland und Europa unfreiwilliger Nutznießer. Die Judenverschleppung gewährte Hunderttausenden Geschäfts- und Berufsvorteile, Mobiliar und, um mit Jesus zu sprechen, „sie haben meine Kleider unter sich geteilt.“ Sein Gebot dazu lautete mitnichten, laßt kein herrenloses Gut herumliegen, sondern „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, und folget mir nach, der ist meiner nicht wert.“ (Matthäus 10, 38).

Aber wer, außer den Märtyrern, macht sowas? Wo befindet sich zum Schuldausschluß die Schwelle zum Neinsagen? Wo ist des Menschen Maß, sagen wir, bei den Essener Bomber-Crews? Der Navigator selektiert das nächtliche Wohnquartier, der Schütze öffnet den Schacht, die Schlafenden, mich zum Beispiel, zu erschlagen und einzuäschern. Sie sahen, was sie bewirkten, den Feuerball, strengten sich an für den Erfolg, deuteten ihn sich aber ganz anders.

Die Crews nahmen teil an einer Kriegshandlung, ausgegeben als Kreuzzug gegen das barbarische Tätervolk, das seine Kranken vergaste. Jedem künftigen Schizophrenen, Depressiven, Epileptiker dort unten standen sie bei! Erlitten die Zuschauer am eigenen Leibe das, was die ihrigen anderen zufügten, schritten sie sicherlich ein, doch anders nie. Soviel zum Tatzweck: Erschlagen zwecks Beendigung des Erschlagens. Nebenbei, es hat schlecht funktioniert. Dies Raisonnement ist aber nicht gültiger Maßstab sondern meine Meinung. Es zählt aber die Rechtsmeinung dieser Welt, der das Zivilbombardement als zulässig gilt, je nach den Umständen.

Hollywood ehrte den Hiroshimapiloten

Die Veranstalter der Strategic Air Offensive 1940-45, England und Amerika, haben die Ächtung dieses Mittels, vorgeschlagen im 2. Genfer Zusatzprotokoll der UNO von 1977, nicht ratifiziert, sie behalten sich den Einsatz vor. Der Internationale Haager Gerichtshof hat sich nicht einmal zum Verbot nuklearer Massenvernichtung verstehen können. Eine solche hat der US-Präsident 2017 dem Koreanischen Regime angekündigt, präzise gesagt der meistterrorisierten Bevölkerung der Erde. Ein Satz, dem zum Glück kein Befehl folgte, doch würde er in der Exekution scheitern?

Dem Hiroshimapiloten hat Hollywood 1952 ein Heldenepos gewidmet, Robert Taylor verkörperte den Colonel Paul W. Tibbets Jr., Vernichter von 120.000, der Film wurde für zwei Oscars nominiert. Es fiele folglich äußerst schwer, dem nächsten A-Bombenwerfer oder Raketenknopfdrücker eine Strafrechtsschuld anzuhängen, und rottete er dabei auch Millionen aus. Ab wie vielen Millionen verliert der Kreuzzug den Anspruch auf dies Zeichen, nach drei, nach fünf, nach sechs? In der Zeit des Kalten Kriegs, in meiner Jugend, waren vom Pentagon 80, 100, 150 Millionen veranschlagt. Mehr aus Glück denn aus Skrupeln ist es zum Armageddon nicht gekommen.

Die Kirchen haben sich dazu bisher windig geäußert: „Der Einsatz von Atomenergie zu Kriegszwecken ist unmoralisch“, klagte Papst Franziskus vergangenes Jahr in Hiroshima. Allein schon der Besitz! „Wir werden darüber gerichtet werden.“ Zu welchem Urteil, das kann Franziskus nicht wissen, er wartet den Judex Ultionis ab. August von Galen war selbst im Angesicht der Gestapo deutlicher, daß nämlich Euthanasie „Mord“ sei. Eine Feststellung, die nicht des Jüngsten Gerichtes bedarf. Jahwe hat sich bereits im 5. Gebot geäußert, die Zuwiderhandlung stellt eine Todsünde dar, die, unbereut, in ewige Verdammnis führt.

Einladung von Ernst Nolte

Wozu denn Priester und Päpste, wenn die Verkündigung unterbleibt und der Spruch im Jenseits fällt? Inzwischen ist die Ewige Verdammnis eine überholte theologische Vorstellung, die niemanden mehr abschreckt, so überantwortet Franziskus alles den gütigen Händen des Allwissenden, der Colonel Tibbets versteht, und spricht sich für Moral aus. Die macht sich aber jeder selber.

Die Hamburg-Dresden-Hiroshima-Piloten dürften dem Gericht über die Lebendigen und die Toten vortragen, daß sie sich im klassischen Verbotsirrtum befanden. In Putativnotstand, sie oder wir, das allgemeine Grundmuster des Kriegers. „In entschuldbarem?“, mag der Herr fragen, und „wer sind ‘sie’?“ Die Differenzierung erübrigt sich allerdings anbetrachts der NS-Vernichtungsidee.

In meinen späteren Jahren lud mich, als Unfreiwilligen der Relativierungsbewegung, Ernst Nolte zu sich, deren Oberhaupt. Eine gute Gelegenheit, freundschaftlich den Rechtsbegriff des Putativnotstand zu diskutieren, den er bei unseren Vätern entdeckt hatte. Herr, vergib ihnen oder auch nicht, jedenfalls wußten sie nicht, was sie taten. Sie wähnten sich bedroht vom Judäo-Bolschewismus, zwar fälschlich aber de facto. Ich hingegen meine, daß solch feinmaschige Rechtsbegriffe die nazistische Art von Termination falsch abbilden.

Juden wurde das Dasein verwehrt

Vorausgesetzt wäre ja irgendeine Form von Rechtsgenossenschaft. Konstituiert sie sich über den gesetzlichen Einzug von Existenzrechten, wechselt das Recht in eine technische Vollzugsanweisung für jedwede Maßnahme. Die 11. VO zum Reichsbürgergesetz vom November 1941 entließ die deutschen Juden beispielsweise aus der vorherigen gesetzlichen Diskriminierung in den Daseinsverlust. Nicht weil sie, wie die Gulag- oder Bombenopfer, etwas getan hatten, hätten tun können, etwas glaubten, sich als etwas verstanden, zu etwas vergemeinschafteten, jemanden unterstützten, an etwas arbeiteten, die Arbeitenden umsorgten, psychisch stärkten! Sie durften nicht sein, deshalb die Maßnahme.

Seither tausendfach gesagt, seinerzeit bloßen Auges erkennbar, auch erkannt, wo nicht, dann unentschuldbar. Wer dem Terminator einen Schreck vor vermeintlichem Judäo-Bolschewismus zubilligt, welchem nur mit vermeintlich gleicher Münze beizukommen, ein Wahnsyndrom, krankhaft, unstatthaft jedoch glaubhaft, kann sich unmöglich die übrigen Ausmerzungsprogramme erklären, nämlicher Modus, ähnliches Personal: Welcher Verschwörung wurde das „lebensunwerte Leben“ verdächtigt?

Der „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ war bereits durch das Krankensterilisierungsgesetz vom 1. Januar 1934 gedient. Liegt nicht, oh Philosoph, hier als Motiv die angemaßte Verfügung über unser aller blankes Aufenthaltsrecht im Diesseits vor, egal was wir machen, darum weil wir irgendwie sind? Selbst wenn, entgegnete Nolte, betreiben nicht Abermillionen Abtreibender ein gleiches? Damit war denn die Unterhaltung am Ende.

Die Westalliierten haben manchem nachgeholfen

Das Vergleichen des Unvergleichlichen störte mich bei der Lektüre des geschätzten Karlheinz Weißmann (Jahrgang ’59) wie damals in der stillen Wohnung des großen Denkers. Der unlängst an dieser Stelle erschienene Aufsatz über das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ vom Oktober 1945 enthält eine Antipathie gegen den einseitigen Selbstvorwurf der deutschen Seite.

Wäre es nicht richtiger gewesen, alle christlichen Kriegsparteien hätten gemeinsam ihre Barbareien bereut. Auch hätten die Westalliierten dem deutschen Bekenntniswillen erheblich nachgeholfen. Der deutschen Christenheit war mehrheitlich gar nicht so sehr danach. Das glaube ich gerne. Die Westalliierten haben manchem nachgeholfen, der Beseitigung Hitlers, der Oktroyierung einer Parteiendemokratie, der Formulierung des Grundgesetzes, auch meiner Schulspeisung im Ruhrgebiet; ein Jahr nach den Bomben warfen sie mit Schokolade.

Wer war Kain?

Gewiß wäre es erleichternd, wenn die Briten die 500-600.000 Ziviltoten im Bombenkrieg weniger verbissen rechtfertigten. Er ist ein rechts- und glaubensverachtender Kriegsbrauch, und hätten die angloamerikanischen Kirchen den Mut gefunden, ihn zu ächten, ihm sich dem Evangelium getreu widersetzen zu lehren, hinge es heute vielleicht nicht wie das Menetekel über der Zivilisation. Sie hat sich nicht über die Verwerflichkeit einig werden können, war erdoch das Schwert der gerechten Sache. So steht sie mit dieser fatalen Erbschaft kreidebleich an der Wand, angstverzehrt, an ihr zugrunde zu gehen.

Die Bilanz der Verlierer wiederum ist nicht deswegen unstrittiger, weil sie verloren haben, auch nicht, weil ihre Handlungen so jenseits jeder Rechtfertigung stehen. Sie sind ein Kainsmal, von Kain sich selbst weltweit kenntlich auf die Stirn geprägt. Das nie wieder! Und wer alles war Kain? Eine Abstraktion, die Nation. Die Schuldanteile haben deren Angehörige mit sich abgemacht beziehungsweise verdrängt, denn die Familien hatten andere Sorgen. Das nationale Geschehen jedoch war nicht durch eine abgestuft Personalhaftungsliste erfaßbar. Also, begann mit dem „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ nicht neue Hoffnung für diese labile Gemeinde Christi?

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Jörg Friedrich, Jahrgang 1944, ist Publizist und Verfasser mehrere historischer Sachbücher. 2002 erschien sein Bestseller „Der Brand“ über Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945.

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