Ein Demonstrant hält ein Schild vor einer beschmierten Statue in Richmond in den USA Foto: picture alliance/Artur Gabdrahmanov/Sputnik/dpa
Bildersturm

Das Erbe auslöschen

Der Stadtrat von Bristol hat angeordnet, die während einer „Black Lives Matter“-Demonstration in das Hafenbecken gestürzte Statue des Sklavenhändlers Edward Colston zu bergen und an sicherem Ort zu verwahren. Sie wird kaum auf das Podest zurückkehren, auf dem sie so lange stand. Das hat mit dem wachsenden Druck der Antirassismus-Bewegung zu tun, die mittlerweile zu einem globalen Phänomen geworden ist.

In den Südstaaten der USA wurden weitere Denkmäler der Konföderierten geschleift, Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, verlangt, daß man elf Figuren historischer Persönlichkeiten aus dem Parlamentsgebäude entfernt, während Sadiq Khan, der Oberbürgermeister von London, das gesamte Stadtgebiet durchkämmen läßt, um anstößige Monumente ausfindig zu machen. In Hamburg wurde immerhin ein Standbild Bismarcks beschädigt, weil der Reichsgründer auch Kolonialist war, und Akademiker denken laut darüber nach, ob Immanuel Kant als geistiger Vater des Rassismus aus dem Kreis der großen Denker verbannt werden muß.

Symbol und Symbolisiertes sind nicht zu trennen

An sich ist Ikonoklasmus – das rituelle Zerstören eines mißliebigen Bildes – nichts Neues. Seit unvordenklicher Zeit waren politische oder religiöse Umwälzungen von der symbolischen Vernichtung eines verhaßten Gottes oder Menschen begleitet.

Das heißt, es besteht im Prinzip kein Unterschied zwischen dem heutigen Protest und dem Furor, der zur Austilgung jedes Hinweises auf Pharao Echnaton durch seine Nachfolger führte oder zur Vernichtung der Pfahlgötzen im alten Israel oder zur damnatio memoriae im antiken Rom oder zur Zerstörung heidnischer Tempel durch die Christen oder zur Köpfung biblischer Könige an der Fassade von Notre-Dame während der Jakobinerherrschaft oder zur Bücherverbrennung beim Wartburgfest oder zum Niederreißen der Zarenbilder nach der Oktoberrevolution oder zur Sprengung der Buddhafiguren von Bamiyan durch die Islamisten.

Die mit Farbe beschmierte Statue Immanuel Kants in Königsberg. Foto: Vitaly Nevar/ TASS /dpa

Das Vorgehen kann spontan erfolgen oder angeordnet sein. In jedem Fall beruht es auf der tiefsitzenden Vorstellung, daß Symbol und Symbolisiertes nie vollständig zu trennen sind. Das eine hat Anteil am anderen. Weshalb das Symbolisierte durch den Angriff auf das Symbol getroffen wird. Carl Schmitt sprach vom „Mysterium“ der Repräsentation, verknüpft damit, daß „der Repräsentant eines hohen Wertes nicht wertlos sein kann“.

Es geht um Entfremdung

Dahinter steht selbstverständlich ein irrationales Moment. Was auf der Linken regelmäßig Zweifel weckt, ob die Fixierung auf Symbolpolitik das richtige ist. Eine unbegründete Sorge. Es muß nicht immer Klassenkampf sein. In der Medien- und Informationsgesellschaft zeigen gerade Attacken auf den Überbau verblüffende Wirkung auf die materielle Basis. Was jetzt als Durchsetzung des antirassistischen Konsensus stattfindet, ist also kein isolierter Akt und nichts, was mit dem Hinweis auf akute Empörung hinreichend erklärt wäre. Wir beobachten vielmehr Abläufe, die jene Meinungsmacher lenken, die seit je alles tun, um das Werk weißer Männer zu deformieren, zu beschädigen und zu zerstören.

Ihnen folgt eine Masse, die es unerträglich findet, daß das Leben überhaupt Bedingungen hat. Das erklärt die Aggressivität, mit der sie gegen jeden vorgeht, der anderer Meinung ist, die Naivität, mit der sie Verbündete akzeptiert, die nicht einmal vor Terror zurückschrecken, die Entschlossenheit, mit der sie ihre Bannflüche auf alles schleudert, was vor den Maßstäben der Hypermoral versagt. Aber das ist nicht nur das Ergebnis von Indoktrination.

Hier geht es um Entfremdung. Das Selbstbild des Fußvolks als Avantgarde, die vernichtende Urteile über die ganze bisherige Geschichte fällt, hat vor allem damit zu tun, daß die Akteure nicht wissen, wer sie sind. Daher rührt ihre Illoyalität gegenüber der eigenen Kultur, der eigenen Überlieferung, der eigenen Nation. Daher rührt ihre Bereitschaft, alles auszutilgen, was an diese Kultur, Überlieferung, Nation erinnert.

Die westliche Welt steuert in ein Dystopia

Erinnerung ist in dieser Phase des Kulturkriegs ein Schlüsselbegriff. Gemeint ist jene Erinnerung, die die Identität der Gemeinschaft verbürgt. Eine Erinnerung, die notwendig selektiv ist. In ihr wird das eine hervorgehoben, das andere in den Hintergrund gedrängt. Wie bei der Erinnerung des Einzelnen tritt im Normalfall das Positive hervor, das Negative zurück. Denn der persönliche wie der „unpersönliche Stolz“ (Max Weber) liegt darin begründet, daß man die Erfolge und die Heldentaten im Bewußtsein hält, nicht die Niederlagen und die Schandtaten.

Nur die Deutschen hatten das Verhältnis umgekehrt. Maßgeblich für die kollektive Erinnerung wurde Auschwitz als „Gründungsmythos“ (Joschka Fischer), Schuld als „Staatsräson“ (Thomas Schmid), das Geschichtsbuch als „Verbrecheralbum“ (Helmut Schmidt). Was auch erklärt, warum den alltäglichen Bildersturm niemand mehr zur Kenntnis nimmt: die Säuberung der Bibliotheken von heiklen Autoren, das Demolieren mißliebiger Gedenkstätten aller Art oder den Eifer, jedes Monument in jedem Winkel aufzuspüren – ganz gleich, ob Standbild, Straßenname oder Ehrenbürgerliste – und zu tilgen, was bei den Historisch-Sensiblen Anstoß erregt.

Bisher sprach viel für einen Sonderweg. Aber was sich gegenwärtig abspielt, deutet darauf hin, daß wir nur die Bahn gespurt haben, auf der uns der Rest der westlichen Welt folgt; kaum in ein besseres Morgen, eher in ein Dystopia, in dem diejenigen, die die „Konsensmaschine“ (Noam Chomsky) überwachen, noch mehr Möglichkeiten haben als zuvor.

JF 26/20

Ein Demonstrant hält ein Schild vor einer beschmierten Statue in Richmond in den USA Foto: picture alliance/Artur Gabdrahmanov/Sputnik/dpa

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