Notre-Dame

Sinnbild des Abendlands

Die eindrucksvollsten Bilder sind nicht die, die das flammende Inferno zeigen. Die eindrucksvollsten Bilder sind die der Menschen, die auf die Katastrophe schauen und beten. Für die Gottlosen ist das nur eine leere Geste, bestenfalls ein überkommenes Ritual. Für die Gläubigen ist das Gebet Hinwendung zu Gott, vor allem, wenn die eigene Macht nichts auszurichten vermag.

Sicher ist, daß die Bitte, die Kirche Notre-Dame in Paris vor vollständiger Vernichtung zu bewahren, erfüllt wurde. Bisher gibt es keine Erklärung für die Brandursache. Der Dachstuhl scheint weitgehend zerstört, aber ein großer Teil der Kunstschätze konnte gerettet und der Brand endlich unter Kontrolle gebracht werden.

Präsident Emmanuel Macron hat schon erklärt, daß man sofort nach dem Ende der Löscharbeiten mit dem Wiederaufbau beginne. Wie sollte auch die Alternative aussehen? Ein Paris ohne die mächtige Kathedrale in ihrem Herzen ist unvorstellbar. Sie bestimmt bis heute die Silhouette der Stadt wie der Eiffelturm, der Triumphbogen, der Louvre oder Sacré-Coeur. Außerdem gehört Notre-Dame zu jener kleinen Zahl von Bauwerken der Stadt, die aus dem Mittelalter überdauert haben.

Zeugen von Selbstbewußtsein und Demut

Während die Metropole ihr Gesicht dauernd wandelte und weiter wandelt und ihre historische Substanz im wesentlichen der Neuzeit verdankt, ist hier etwas von der „France profonde“ erhalten geblieben. Auf der Ile de la Cité, der Seine-Insel, von der ausgehend Paris entstand, bildet Notre-Dame zusammen mit der Sainte-Chapelle ein Symbol jener stolzen Überlieferung, der weder Katastrophen noch Kriege noch die Zerstörungswut der Revolution etwas anhaben konnten.

Aber Notre-Dame gehört nicht nur Frankreich. Alle großen Kirchen unseres Kontinents – die Kathedralen von Chartres, Reims, Canterbury oder Toledo, das Straßburger und das Berner Münster, der Kölner Dom, St. Stephan in Wien, St. Veit in Prag, St. Peter in Rom – sind sinnfälliger Ausdruck dessen, was das Abendland ausmacht.

Sie zeugen von Klugheit, Intelligenz und Selbstbewußtsein unserer Vorfahren, aber auch von Frömmigkeit, Demut und der kaum faßbaren Anstrengung angesichts eines Ziels, das nicht von dieser Welt war. Denn so sehr Pracht und Größe einer Kirche beeindrucken, sie sollte zuletzt ja nicht die Menschen verherrlichen, die sie errichteten, sondern Gott.

Unwürdiges Verhalten

Diese Bedeutung ist den heutigen Menschen fast unverständlich geworden. Die kreischende, lärmende, immer wieder für das Selfie grimassierende, für den nächsten Schnappschuß posende Menge, die sich jeden Tag in einer gigantischen, zusammengerollten Schlange auf dem Vorplatz Notre-Dames sammelt, um zur Besichtigung eingelassen zu werden, weiß jedenfalls nichts davon.

Bezeichnenderweise ändert sich das Verhalten auch in der Kirche nicht. Die Basecaps bleiben auf den Köpfen, niemand senkt die Stimme, man knipst und filmt mehr oder weniger wahllos, schnattert in sein Mobiltelefon, feixt, knutscht oder verzehrt ungerührt den Burger, den man beim Warten nicht geschafft hat.

Das Wort „Gotteshaus“ hat für die meisten keine Bedeutung mehr. Dabei ist eine Kirche natürlich kein Tempel im heidnischen Sinn, aber eben auch nicht nur Versammlungsraum wie Moschee oder Synagoge. Die ragenden Türme und die lichte Höhe der gotischen Architektur von Notre-Dame sollten einmal wie die Pracht ihrer Fenster und der Reichtum des Figurenwerks ein Vorgeschmack auf das Himmlische Jerusalem sein, etwas vom wunderbaren Jenseits im Diesseits spiegeln.

Das ist heute sicher kaum noch nachvollziehbar. Aber vielleicht kann die Katastrophe, die diesen wunderbaren Bau fast vernichtet hätte, uns wieder daran erinnern, welches Erbe wir zu bewahren verpflichtet sind.

Gläubige beten im Anblick der brennnenden Notre-Dame in Paris Foto: picture alliance / abaca

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load