Demonstration zum Weltfrauentag in Hamburg Foto: picture alliance/Christian Charisius/dpa
Eine Polemik zum Weltfrauentag

Opferstatus in Permanenz

Es gibt in jeder Kultur unbestreitbare Wahrheiten. Dazu gehört in unserer, daß Frauen benachteiligt werden, und zwar nicht nur manchmal und fallweise, sondern immer und systematisch. Dementsprechend findet man zum Weltfrauentag, der in diesem Jahr zum ersten Mal staatlicher Feiertag im Land Berlin ist, immer dieselbe Stellungnahme: längst überfällig, daß wir uns dem entscheidenden Problem der Gegenwart zuwenden, also der strukturellen Frauenfeindlichkeit, dem Mangel an Gleichberechtigung, dem Lohngefälle, der alltäglichen Belästigung und dem Übergriff.

So hört man es nicht nur von Politikern und Funktionären und Kommentatoren, sondern auch von jedem, dem ein Mikrofon mit der Bitte um Stellungnahme unter die Nase gehalten wird. Der Konsens ist umfassend. Was nur zwei Deutungsmöglichkeiten zuläßt: er trifft die Wahrheit oder der Verblendungszusammenhang ist vollständig.

Frauen haben größere Chancen, Kriege zu überleben

Gehen wir einmal ketzerisch von der letzten Möglichkeit aus. Stellen wir deshalb gleich die Behauptung in Frage, daß das Verhalten von Frauen wie Männern durch irgendwelche „Rollen“ fixiert wird. Diese Annahme ignoriert entscheidende Erkenntnisse der biologischen – und nicht nur der biologischen – Anthropologie.

Männer und Frauen sind von Natur verschieden. Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist insofern „natürlich“ und in den menschlichen Gemeinschaften nur differenziert ausgeformt worden (vielleicht hat sie sogar die Durchsetzung von homo sapiens gegenüber dem Neandertaler bewirkt). Dabei ergab sich das Machtgefälle aus der Funktion des Mannes als Beschützer der Frau und war nicht einfach umzukehren; wegen der geringeren Größe und Körperkraft der Frau, der besonderen Gefährdung in Phasen der Schwangerschaft etwa.

Die Folgen waren für die Frau aber keineswegs nur oder überwiegend negative: ihre Chance, eine militärische Niederlage zu überleben blieb (und bleibt) immer größer als die eines Mannes, und neben jeder formellen politischen, juristischen oder religiösen Macht, die Männer in einer Gesellschaft ausübten, gab es eine informelle, die seit Evas Zeiten in der Hand von Frauen lag. Die hatte und hat selbstverständlich mit dem Element des Erotischen zu tun und der überlegenen sozialen Intelligenz einer Frau, aber mehr noch mit der Kontrolle, die sie als Mutter über und durch ihre Kinder besitzt: „Die Hand an der Wiege, ist die Hand, die die Welt regiert.“ (William Ross Wallace)

Mythos der Unterdrückung

Was sich daran in den letzten beiden Generationen geändert hat, ist weniger auf Bewußtseinswandel und den Siegeszug des Feminismus zurückzuführen. Eher auf eine Reihe von Erfindungen, die Männer gemacht haben: von der Servolenkung bis zur Pille. Seither hat die Mutterschaft entscheidend an Prestige verloren und Frauen richten ihren Ehrgeiz darauf, neben der informellen Macht, die sie seit je ausübten, auch die formelle in die Hand zu bekommen.

Um dieses Ziel zu erreichen, können verschiedene Wege eingeschlagen werden. Der erfolgversprechendste in Zeiten der Hypermoral ist der der Anklägerin, die für die Schwachen, Unschuldigen und Verfolgten spricht, indem sie wieder und wieder mit der großen Erzählung von der Unterdrückung alles Weiblichen anhebt: beginnend bei der Misogynie des Platon und der Hexenverfolgung im Mittelalter über den Sexismus der Aufklärer bis zum Widerstand heutiger Machos gegen eine Geschlechterparität bei Parlamentsmandaten oder den Gender-Neusprech.

Aber es darf auch die Reihe der Gegenbeispiele, der Lichtgestalten und Heroinen, nicht fehlen: von den Matriarchaten in der Frühgeschichte und irgendwelchen Nischen des Weltgeschehens über die Herrscherinnen des Morgen- wie des Abendlandes (Kleopatra, Margarete Maultasch, Elisabeth I., Katharina I.) und Olympe de Gouges bis zu den Suffragetten und Women’s Lib. Wie jeder Mythos hat auch dieser ein paar Schönheitsfehler, die tiefe Unmenschlichkeit und Rachsucht von Kleopatra, Elisabeth wie Katharina zum Beispiel oder die terroristischen Neigungen bei den Vorkämpferinnen für das Frauenwahlrecht.

Feminisierung der Leitwerte

Aber davon können wir absehen. Viel interessanter ist, was unter Verweis auf den Opferstatus in Permanenz alles erreicht wurde. Da wäre vor allem jene Gesellschaftspolitik zu nennen, die namens der Gleichheit die faktische Privilegierung von Frauen durchsetzt. Mitgewirkt hat dabei die Feminisierung der Leitwerte, die von Ordnung – Leistung – Gerechtigkeit auf Kommunikation – Empathie – Gleichheit umgeschaltet wurden.

Was wiederum im ganzen Bereich des Sozial- und Bildungswesens Folgen hat. Genauso wie die sanfte Gehirnwäsche über sämtliche Kanäle der Massenkultur. Das, was im Schlagertext und populären Roman präsentiert wird oder was uns die Fernsehserie bietet mit der toughen Kommissarin, Anwältin, Ärztin, Geschäftsfrau, in deren Umfeld Männer nur als Lebensuntüchtige oder Liebeskranke oder Widerlinge vorkommen.

Bleibt zuletzt noch der Hinweis auf die pseudowissenschaftliche Rechtfertigung all dessen mit Hilfe von Gender Studies und die systematische Absicherung auf juristischem Weg. Die hat zum Beispiel in bezug auf die Frauenförderung die Frage nach der Qualifikation zum Verstummen gebracht. Zuerst im öffentlichen Bereich, aber auf staatlichen Druck auch im privaten. Was dazu führt, daß Bewerberinnen auch dann eine Stelle erhalten oder in eine Führungsposition kommen, wenn sie außer ihrem Geschlecht wenig vorzuweisen haben.

Zweifel werden nicht geduldet

Der Widerstand gegen diesen Prozeß, dessen Absurdität offen zutage liegt, ist längst erloschen. Wem unbehaglich wird, der versucht es mit niedrigem Profil oder Tricksereien, schon um nicht in den Verdacht „toxischer Männlichkeit“ zu kommen. Wer offen seine Zweifel äußert, muß damit rechnen, sich mächtige Interessengruppen zum Feind zu machen, die es im Zweifel nicht bei einem Shitstorm belassen.

Persönliche Nachbemerkung I: Mein Großvater, ein gestandener Mann, wie man früher sagte, höherer Beamter, der immerhin einen Bahnhof leitete, wußte sich im Streit mit seiner Frau nur dadurch zu helfen, daß er schmollend ins Bett ging und nicht mehr aufstand, bis meine Großmutter „wieder gut war“.

Persönliche Nachbemerkung II: Als meine Tochter die Grundschule besuchte, trat eine Elternversammlung zusammen, weil ein paar Jungs ihrer Klasse aus der Rolle gefallen waren. Freundlich sagte ich zu meiner Tochter, daß das wohl daran liege, daß Jungs nicht so lieb sind wie Mädchen. Woraufhin sie einen Moment nachdachte, um mir dann mit einem hinreißenden Lächeln zu antworten: „Mädchen können viel gemeiner sein als Jungs, Papa. Aber wir machen das so, daß es keiner merkt.“

Demonstration zum Weltfrauentag in Hamburg Foto: picture alliance/Christian Charisius/dpa

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