Unglückszahl

Heil und die 13

Man sagt, der Aberglaube sei die Ersatzreligion der Einfältigen. Bundesarbeits- und Sozialminister Hubertus Heil will beim neuen Sozialgesetzbuch die „Unglückszahl“ 13 vermeiden und deshalb direkt zur Ausgabe Nummer 14 übergehen. Grundlage des einfältigen Einfalls aus dem Ministerium für Hokuspokus sind, so kann man es den offiziellen Erklärungen entnehmen, „mehrere Argumente, auch vonseiten der Betroffenenverbände“, die, wie die Sprecherin der Behörde sagt, „sorgsam abgewogen wurden“. Vielleicht eine der konkretesten Aussagen, die man je einer öffentlichen Fachkraft für Öffentlichkeitsarbeit entlocken konnte.

Der Minister selbst hat „keine Angst vor Zahlen“, betont er im Interview mit der Bild-Zeitung. Heil sagt: „Ich bin gläubiger Christ. Aber in diesem Fall geht es um ein Opferentschädigungsgesetz für Opfer von Gewalttaten. Dabei hat uns eine Reihe von Opferverbänden darauf hingewiesen, daß es viele Betroffene gibt, die bei so einer Zahl ein ungutes Gefühl haben. Ich finde, wir Politiker brechen uns nichts ab, wenn wir auf solche Empfindungen Rücksicht nehmen.“

Symbolpolitik, die nichts kostet

Da mag eigentlich keiner mehr dem rücksichtsvollen Spitzenpolitiker widersprechen oder gar mit herzloser Rationalität kommen. Zumal die Reform auch eine Konsequenz aus dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vor zwei Jahren ist. Die Opfer und Hinterbliebenen des islamisch motivierten Attentats dürften sich angesichts der neuentdeckten Sensibilität aus den Reihen der Politik allerdings so oder so ungläubig die Augen reiben. Man erinnere sich an das seinerzeit in so vielerlei Hinsicht unwürdige Gedenken, einschließlich der Weigerung der zuständigen Behörden, den Opfern und Hinterbliebenen des Anschlags „zu hohe Anfahrtskosten“ zur Gedenkfeier ein Jahr nach der Tat zu bezahlen.

Das ist das Schöne an Heils Art der Symbolpolitik: Sie kostet nichts. Außerdem nimmt die Bundesregierung doch immer gerne Rücksicht auf allerlei Gläubige. Also warum nicht auch auf Abergläubige? „Es ist ja nicht Aufgabe von Politik, Gefühle von Menschen zu verletzen“, sagt der Minister und weißt darauf hin, daß er mit seiner Rücksichtnahme nicht alleine ist: „Die Bahn hat keinen Sitzplatz 13, bei vielen Fluglinien gibt es keine 13. Reihe, und in den Hotels fährt man auch oft von der 12. zur 14. Etage.“ Er hätte auch noch erwähnen können, daß in vielen deutschen Ämtern Freitags nach 13 Uhr nicht mehr gearbeitet wird. Aber das wäre dann vielleicht doch ein bißchen zu viel des Guten gewesen.

Für Heil ist es „eine Frage von Sensibilität“. Anderseits ist ihm die Sache mit dem Aberglauben aber offenbar auch einfach nur irgendwie Sternschnuppe, denn: „Bei den durchnummerierten Sozialgesetzbüchern verstehen ja ohnehin nur noch Experten, welches SGB für welche Themen steht.“

Offen für gefühlte Wahrheiten

Wie viele dieser Experten so abergläubisch sind, daß sie in ihrer Amtsstube niemals einen Rettungsschirm aufspannen würden und die Nummer 13 für die schwarze Katze unter den Sozialgesetzbüchern halten, verrät uns der einfühlsame Hubertus nicht. Aber zumindest wissen wir jetzt, daß unsere Regierung durchaus auch für „gefühlte Wahrheiten“ und diffuse Ängsten größtes Verständnis hat. Solange es nicht die Angst vor unkontrollierter Masseneinwanderung oder dem Islam ist, versteht sich.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil Foto: picture alliance/Carsten Koall/dpa

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