Stepahn Brandner (AfD) und Altrocker Udo Lindenberg Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa/Geisler-Fotopress /JF-Montage
#Judaslohn-Tweet

Brandner, Lindenberg und das Federvieh

Gefühlt mit jedem zweiten Tweet wird der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner zum Fuchs, der sich den Weg in den Hühnerstall bahnt. Auch diesmal schnattert und flattert das Federvieh aufgeregt durcheinander. Wie anstands- und würdelos und sogar antisemitisch das sei, was Brandner über Twitter verbreitet habe. Es geht um diesen Eintrag vom 31. Oktober, den Altrocker Udo Lindenberg und seine hohe Auszeichnung betreffend:

Zweifellos bewegt Brandner sich auf der Stilebene des Vulgären, die auf Twitter aber üblich ist. Um seinem Tweet gerecht zu werden, muß man sich seinen konkreten Anlaß zu Gemüte führen, den Kommentar nämlich, den Lindenberg zum Wahlergebnis der Thüringer AfD auf Facebook verbreitet hat.

Kalte Kotze! Das ist eine Steigerung des Vulgären, das ist Kloake pur! Vor 30 oder 40 Jahren, als Kreativpower-Udo noch jung und schön und kreativ war, hätte man das vielleicht cool oder meinetwegen rotzig gefunden. Doch ein Mittsiebziger, der auf Zoten- und Halbstarkenniveau über Politik schwadroniert, degradiert sich selber zum brabbelnden, sabbelnden, sabbernden Narren. Und das, mag Brandner sich gedacht haben, wird man ja wohl noch sagen dürfen im freiesten Deutschland aller Zeiten!

Der Begriff „Judaslohn“ ist nicht antisemitisch, sondern eine biblische Metapher für die Dotierung eines Verrats. Legt man den strengen Wortsinn zugrunde, wirkt er hier freilich deplaciert, denn verraten kann man nur, wem man zuvor Loyalität geschworen hat. Lindenberg aber hat aus seiner Antipathie gegenüber der AfD nie einen Hehl gemacht. Treffender wäre daher das Wort „Pharisäer“ gewesen, das Eigenschaften wie Überheblichkeit, Anmaßung, Heuchelei, egoistische Berechnung bezeichnet.

Aber erstens könnten nur wenige mit dieser Metapher noch etwas anfangen, und zweitens besitzt „Judaslohn“ mittlerweile in der Umgangssprache eine erweiterte Bedeutung und meint zugleich die Belohnung für selbstsüchtige Handlungen und opportunistische Haltungen, aktuell „zivilgesellschaftliches Engagement“ oder „Zivilcourage“ geheißen.

Biederes Sprachrohr der politischen Korrektheit

Nun hat Lindenberg das Bundesverdienstkreuz offiziell nicht wegen seines AfD-Bashings bekommen, sondern – so die präsidiale Begründung – weil er „das SED-Regime heraus(gefordert)“ und „sich mit Mauerbau und deutscher Teilung nie abgefunden“ hat. Ob das mit der Teilung stimmt, sei dahingestellt.

Auf jeden Fall hat er mit Liedern wie „Mädchen aus Ostberlin“ und „Sonderzug nach Pankow“ Signale der Hoffnung und Ermutigung in die DDR ausgesendet. Trotzdem hätte er das Verdienstkreuz nicht erhalten, wenn er auch nur ansatzweise Sympathien für die AfD oder Verständnis für ihre Wähler geäußert hätte. Insofern honoriert das Bundesverdienstkreuz seinen permanenten Haltungsnachweis gegen „rechts“.

Prompt hat er nach der Thüringen-Wahl eine Schippe draufgelegt. Denn auch für Lindenberg ist öffentliche Aufmerksamkeit keine Selbstverständlichkeit mehr. Gottfried Benn erläuterte 1954 in einem fulminanten Essay das „Altern als Problem für Künstler“. Das Überschreiten des künstlerischen Zenits geht heute vermehrt mit dem Anschwellen des politisch-korrekten Bekenntnisdranges einher. Letztlich hat Lindenberg sich bloß als biederes Sprachrohr der politischen Korrektheit erwiesen, und die Kloakensprache ist der billige Rest an Individualität, den die politische Norm ihm zugesteht.

Stepahn Brandner (AfD) und Altrocker Udo Lindenberg Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa/Geisler-Fotopress /JF-Montage

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