Nach Schlacht um Afrin

Kurdische Knoten

Wer den in sich verknäulten Knoten am Streitwagen des Gordios löse, der, so die griechische Sage, werde Asien beherrschen. Alexander der Große durchhieb den gordischen Knoten und eroberte Persien. Heute hat sich ein militärisch-diplomatisches Knäuel in Syrien, genauer an der syrisch-irakisch-türkischen Grenze, gebildet. Es ist der kurdische Knoten.

Die Kurden leben in einem Gebiet, das sich über die Grenzen von vier Ländern erstreckt (Syrien, Türkei, Irak, Iran), sie haben eine eigene Sprache, eine eigene Kultur, eine eigene Geschichte, eigene Religionen. Auf ihrem Rücken verstanden sich die Despoten der vier Länder und unterdrückten jede Regung von Unabhängigkeit.

Deutsche Medien übernehmen Phantasiezahlen

Despoten unterscheiden sich kaum in Grausamkeit und Brutalität. Erdoğan steht Assad nicht nach, wenn es um die Macht geht. Das beweist er gerade im nordsyrischen Kurden-Zipfel Afrin. Unter erheblichen Verlusten, von denen seine Propagandamaschine nichts sagt, ist er bis zur Hauptstadt der kleinen Region vorgerückt.

An die 500 Soldaten und mehr als achtzig Panzer vom deutschen Typ Leopard soll er verloren haben. Seine islamistischen Vasallen, die er als Kanonenfutter gebrauchte und die jetzt plündern und morden, wo und wie es nur geht, verloren mehr als tausend Kämpfer. Auch diese Zahlen sind nicht zu überprüfen, es herrscht Krieg, und da gehört die Wahrheit zu den ersten Opfern.

Aber daß die deutschen Medien, allen voran die öffentlich-rechtlichen, mehr oder weniger ungefiltert die Propagandaparolen Erdoğans mit den Phantasiezahlen (3.000 tote Gegner) übernehmen, ist mehr als eine Blamage. Es grenzt an den politischen Verrat, den die Westmächte derzeit gegenüber den Kurden verüben.

Washington braucht die Türkei noch

Nur daß Washington, anders als die Erdoğan hörigen Medien, einen plausiblen Grund hat für sein Verhalten: Die offene Unterstützung der Kurden würde zur Konfrontation mit dem (Noch-) Nato-Partner Türkei führen. Es wäre zudem ein Geschenk für Putin.

Es liegt aber nahe, anzunehmen, daß der neue US-Außenminister zusammen mit dem Pentagonchef die Kurden diskret mit Waffenlieferungen weiter unterstützt. Denn tun sie es nicht, verlieren sie ihren besten Verbündeten im Kampf gegen den Terror und auch gegen die Despoten in Teheran, die sich in Syrien festsetzen wollen, und die die großen Gegner des Westens und Israels sind.

Die Europäer haben diesen Grund nicht. Ihre zaghaften Erklärungen zu dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Erdoğans erinnern an die Worte Daladiers und Chamberlains über den „Frieden in unserer Zeit“ vor achtzig Jahren. Erdoğan lacht nur darüber.

Der türkische Diktator will den Europäern eine Lektion erteilen

Man werde den Europäern eine Lektion erteilen, meinte der türkische Diktator in seiner Siegesrede, indem er an die Schlacht von Çanakkale erinnerte, bei der 1915 Briten und Franzosen den Türken eine Niederlage bereiteten. Die Drohung ist ernst zu nehmen, sie wird flankiert von anderen Parolen aus der Erdoğan-Junta, die einem baldigen Religionskrieg in Europa das Wort reden.

Die Kurden haben nach starken Verlusten in den letzten Tagen (rund 250 Kämpfer sind gefallen) Afrin de facto aufgegeben, nachdem die Panzerarmeen Ankaras den Verteidigungsring durchbrochen hatten und zuvor von den 450.000 Einwohnern Afrins etwa 350.000 Richtung Aleppo geflohen waren und zwar durch einen Korridor, den das syrische Regime offenhielt.

Unter den Flüchtlingsmassen konnten auch die kurdischen Kämpfer fliehen, die jetzt ihre Verbände in der Region Rojava um Afrin verstärken und von dort einen Guerilla-Krieg gegen die Türken führen werden. Bei einem Kräfteverhältnis von eins zu fünf war es schon ein militärisches Wunder, daß die Kurden das kleine Gebiet der Afrin-Provinz zwei Monate gehalten haben. Jetzt galt es, die Verbände nicht aufreiben zu lassen, sondern zu sammeln. Der Krieg geht weiter.

Die Kurden zahlten den Blutzoll für den Westen 

Die Kurden, die den Vormarsch der barbarischen Islamisten im Irak stoppten, die dort die Jesiden und Christen retteten, die in Syrien die Terrormilizen am Boden bekämpften und so den Blutzoll für den Westen zahlten, sie werden jetzt von den Europäern im Stich gelassen.

Sie, die den Landstreifen zwischen dem Islamischen Staat und der Türkei sperrten, durch den die Terroristen Nachschub an Waffen und Kämpfern erhielten sowie ihre Ölgeschäfte mit Erdoğan abwickelten, sie zahlen jetzt die Zeche für die Feigheit der Europäer. Ob Maas oder Merkel, ob Macron, May oder die Brüsseler Clique, sie alle werden keinen Finger rühren, um den Kurden zu helfen. Sie verharren im Kniefall vor dem Despoten am Bosporus.

Dabei wären die Kurden militärisch und politisch geeignete Partner für eine Neuordnung der Region. Vor rund siebzig Jahren gab es für ein halbes Jahr ein freies Kurdistan. Der Schah von Persien rückte ein und ließ die politische Führung hinrichten.

Die Kurden haben ein historisches Gedächtnis

Die Kurden von heute haben ein historisches Gedächtnis, sie trauen weder den Iranern noch den Irakern, noch den Türken, noch Assad. Und jetzt auch den Europäern nicht mehr. Ihre Guerilla-Kapazität wird die Region noch weiter destabilisieren.

Erdoğan mag sich heute in Siegerpose präsentieren und damit prahlen, einen kurdischen Knoten durchschlagen zu haben. Aber es gibt weitere Knoten in der Region, bei denen die Kurden ein entscheidendes Wort mitzureden haben, und zudem sollte er nicht vergessen, daß Alexander der Große ziemlich plötzlich zu Fall kam – durch eine Mücke. Sie verursachte das tödliche Fieber.

Afrin wird eine offene, schwärende Wunde werden. Erdoğans blutrünstige Fieberträume gegen Europa, Amerika und Israel könnten an der Guerilla-Mücke Afrin scheitern.

JF 13/18

Türkischer Soldat patrouilliert in Afrin Foto: picture alliance / AA

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