Der Fall Özil

Die Schimäre von der rassistischen Gesellschaft

Die Debatte um Mesut Özil reißt nach den Rassismusvorwürfen des zurückgetretenen Nationalspielers nicht ab. Auf Spiegel Online kam der Sozialpsychologe Andreas Zick zu Wort, der ebenfalls Rassismus wittert.

Warum aber soll die Kritik an der Wahlkampfunterstützung für einen Despoten rassistisch sein? Erdogan hat in den 15 Jahren seiner Regentschaft den orthodoxen Islam gestärkt, den Bürgerkrieg gegen die kurdische Minderheit angefacht und mutmaßlich den Islamischen Staat in Syrien und dem Irak unterstützt. Erst kürzlich entließ er Tausende ihm nicht gewogene Staatsbedienstete, kritische Journalisten sitzen in Haft und seit der vom Volk angenommenen Verfassungsänderung kann der türkische Staatspräsident mit nie dagewesener Machtfülle regieren.

Özil in der Opferpose

Wie steht es um Özils These, er würde bei Siegen als Deutscher und Niederlagen als Türke angesehen? Zum einen fällt auf, daß es keine derartige Debatte um Ilkay Gündogan gibt. Dieser hatte sich bemüht, nach seinem Foto mit Erdogan die Wogen zu glätten. Er stellte fest, daß sein Präsident Frank-Walter Steinmeier heiße und er dankbar sei, für Deutschland zu spielen. Bei Özil findet sich nur die Opferpose.

Und genauso wenig stehen Sami Khedira, Jérôme Boateng und Antonio Rüdiger trotz ihrer afrikanischen Wurzeln in der Kritik – obwohl sie doch ebenfalls in der Vorrunde ausgeschieden sind. Vielleicht haben die Vorwürfe, Özil habe eine schlechte WM gespielt, damit zu tun, daß seine Leistung hinter den Erwartungen zurückblieb. Aber das mögen Fußball-Experten entscheiden.

Zick erwähnt auch einen SPD-Politiker, der Özil als „Ziegenficker“ beschimpfte. Ein Griff in die unterste Schublade, ohne Frage. Aber warum nennt Zick den Namen dieses Politikers nicht? Geht man der Sache auf den Grund, stellt man fest: Der fragliche Sozialdemokrat war Stadtrat im hessischen Bebra, das wohl nur die wenigsten auf der Deutschlandkarte finden würden. Zudem mußte er seinen Posten aufgrund der Affäre aufgeben. Wohl kaum ein Beweis dafür, man könne mit „Rassismus und Vorurteilen so gut Politik machen wie lange nicht.“

Weiße als Wurzel allen Übels

Zick findet es bedenklich, daß Deutsche fürchten, Flüchtlinge hegten Sympathien für Terrorismus, seien krimineller oder sexistischer. All das sind legitime Probleme, die es zu diskutieren gilt und eine statistische Häufigkeit ist dabei noch lange kein Pauschalurteil.

In der Vergangenheit hatte er betont, die Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg seien nicht linksextremistisch motiviert gewesen und die Debatte über eine Schließung der Roten Flora „Sippenhaft“. Ein satirisches Video über die Amadeu-Antonio-Stiftung, der Zick als Vorsitzender des Stiftungsrates angehört, sei „verstörend“ und müsse gelöscht werden.

Stiftungsgründerin Annetta Kahane war in den 70er Jahren für die Stasi tätig. Sie hält es für eine „Bankrotterklärung, daß ein Drittel des Staatsgebiets weiß blieb“ (gemeint ist die frühere DDR.) Ihre ehemalige Mitarbeiterin Julia Schramm brachte einst ihre Freude über die britischen Luftangriffe auf Dresden zum Ausdruck: „Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer frei“. Generell gilt im linksextremen Spektrum der (männliche und heterosexuelle) Weiße als Wurzel allen Übels.

Wahrnehmungsfehler in der Rassismusforschung

Exemplarisch zeigt das Interview, wie fehlerbehaftet die Rassismusforschung ist. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen generiert sie keinerlei Profite und ist auf staatliche Fördermittel angewiesen. Käme sie zu dem Ergebnis, daß der Rassismus in Deutschland zurückgehe, stünde auch die Reduzierung ebendieser finanziellen Zuwendungen im Raum. Zudem muß ein Wissenschaftler, der sich tagein tagaus nur mit Rassisten befaßt, das Ausmaß des Rassismus schon fast zwangsläufig überschätzen. Dieser Wahrnehmungsfehler wird in der Psychologie als Verfügbarkeitsheuristik bezeichnet.

Auch die geradezu metaphysische Diskussion entlang eines Gut-Böse-Schemas, das nur der eigenen Selbsterhöhung dient, behindert den objektiven Erkenntnisgewinn. Der normale wissenschaftliche Prozeß, in dem widersprüchliche Meinungen nach Pro und Contra abgewogen werden, kommt so ins Stocken. Je schlechter die Bösen, desto besser die Guten. Ein „Antirassist“ wird daher meist nicht erfreut, sondern geradezu erbost reagieren, wenn man ihm mitteilt, daß die deutsche Gesellschaft eben doch toleranter ist als gedacht.

Der zurückgetretene Nationalspieler Mesut Özil Foto: picture alliance / Sven Simon

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