CDU-Wahlkampf in Binz
CDU-Wahlkampf in Binz: Warme Gefühle gegen kalte Mathematik Foto: dpa

Gefühle gegen Zahlen
 

Wahlkampf gegen die Mathematik

Finden Sie nicht, daß es besser wäre, wenn auch sozial schwache Familien ein eigenes Heim kaufen könnten? Finden Sie es nicht moralisch unfair, daß gerade Familien in Brennpunkt-Vierteln es schwieriger haben, ein Zuhause zu besitzen?

Sie wären ein gefühlloser Mensch, wenn Sie jetzt nicht ganz bewegt zustimmten: Natürlich wäre es schön(er), wenn einkommensschwache Familien ihr Zuhause kaufen könnten. Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter. Die Beinahe-Kernschmelze des Finanzsystems in 2008 hat immerhin viele Faktoren, denen die Vaterschaft zugeschrieben wird. Einer jener, die der Vaterschaft des 2008-Desasters beschuldigt werden, ist Bill Clinton.

Bereits in seinem Wahlkampf-Buch von 1992, „Putting People First“, schlug Bill Clinton vor, Pensionsfonds zu bewegen, einen Teil ihrer Investitionen im Sinne von Regierungszielen vorzunehmen, also etwa in günstigen Wohnraum zu „investieren“. Bill Clinton unterzeichnete 1995 die Neuformulierung des „Community Reinvestment Act“ (CRA). Wenig später lockerte er die Regeln für Wallstreet. 1999 unterschrieb Clinton etwa den „Gramm-Leach-Bliley Act“ und 2000 den „Commodity Futures Modernization Act“ – und alles zusammen, erzählt man, führte zur Kreditkrise von 2005-2007 und dann zum Finanz-Kollaps von 2008.

Gewinner und Verlierer

Während einzelne Aspekte dieses 2008-Narrativs umstritten sind (etwa fielen die meisten Hypotheken nicht in den vom CRA-avisierten „Innenstädten“ aus, sondern in den Vorstädten), so ist klar, daß Bill Clinton mindestens „moralischen“ Druck auf Banken ausübte, auch Hypotheken auszugeben, die sie „eigentlich“ nicht ausgegeben hätten. Clintons Interesse war wahrscheinlich tatsächlich moralischer Natur, er hatte ja auch eine Parteibasis und Wählerschaft zu bedienen. Er wollte es den sozial Schwachen einfacher machen, Immobilien „ihr eigen“ zu nennen.

Viele Marktteilnehmer verdienten an der praktischen Umsetzung dieses banalmoralischen Motivs. Die Kreditvermittler verdienten. Die Banken, die solche Hypotheken „zu Paketen schnürten“ und „weiterverkauften“, verdienten. Die Börsenhändler, die diese Pakete an institutionelle Käufer verscherbelten, verdienten auf so spektakuläre Weise, daß allein über sie mehrere Hollywood-Filme gedreht wurden. Bis die Blase platzte, ob in Folge des „Community Reinvestment Act“ oder damit nur symbolisch verbunden, dachten auch die „Häuslebauer“, sie seien Gewinner der neuen Freizügigkeit. Sie waren es nicht.

Bundestagswahl hat ebenso ein ethisch aufgeladenes Leitmotiv

Die deutsche Bundestagswahl 2017 hat ebenfalls ein ethisch aufgeladenes Leitmotiv: Die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Eine starrköpfige Kanzlerin bleibt bei ihrem Keine-Obergrenzen-Mantra. Gewisse Journalisten führen PR-Krieg gegen manchen, der Merkels Kurs in der Substanz anzweifelt. Das ethische Motiv der „Flüchtlingskrise“ ist eindeutig: Deutschland, das Land des maximal Bösen, soll zum Land des maximal Guten werden. Es klingt alles sehr edel.

Nur, die Umsetzung von Merkels ethischer Mission ergibt bereits mathematisch keinen Sinn. Die Angelegenheit wird brisanter dadurch, daß einige Organisationen an der von Merkel befeuerten Krise viel Geld verdienen, etwa die bequemerweise als Moralprediger auftretenden Wohlfahrtskonzerne samt der sie besitzenden Kirchen.

Entgegen mancher Aussagen im Wahlkampf kann Frau Merkel nicht über Wasser laufen. Sie kann Wasser nicht zu Wein verwandeln. Und sie kann nicht Fisch und Brot sich magisch vermehren lassen. Auch die Ressourcen eines noch reichen Landes wie Deutschland sind beschränkt.

Bundestagsparteien und FDP kennen nur einen Gegner

Die Bundestagsparteien und die FDP scheinen derzeit nur einen Gegner zu kennen. Sie kämpfen nicht an erster Stelle gegen Terrorismus, Altersarmut oder Bedrohung durch Überwachung. (Manche sagen, zu allen drei trügen sie sogar noch bei.) Der große Gegner von „etablierten“ Parteien wie CDU und SPD, aber auch von Spaßparteien wie „Die Partei“, ist die AfD.

Was kümmern uns finanzielle Unmöglichkeit, ISIS-Terroristen oder vergewaltigte Minderjährige, wenn Alexander Gauland (AfD) einen provokanten Spruch rausgehauen hat? Doch, die Parteien beschimpfen den falschen Gegner. Der wahre Gegner von CDU, SPD, Grünen und einigen Journalisten ist die Mathematik. Die alte, langweilige Mathematik.

Nicht jeder, der Merkel seine Stimme gibt, ob im Bundestag oder in der Wahlkabine, ist ein Zahlenfuchs. Wir erinnern uns an die Abstimmungen zu den Griechenland-Paketen, wo mancher Abgeordnete selbst mit Mühe nicht sagen konnte, worüber genau er gerade abgestimmt hatte. Es ist jetzt nicht anders. Im deutschsprachigen Raum findet man die Mathematik zur Politik eher in der Auslandspresse (und als Schocker manchmal in der Bild-Zeitung).

Asylkrise kostet 900 Milliarden Euro

Zuletzt hat die NZZ die Folgekosten der „Flüchtlingspolitik“ durchgerechnet. Nimmt man realistische Zahlen, kommt man zum Ergebnis: „Bei zwei Millionen Zugewanderten bis 2018 summiere sich das auf Gesamtkosten von 900 Milliarden Euro.“ Diese und andere Summen will im deutschen Wahlkampf kaum jemand sagen, oder hören. Wenn die eine „böse Partei“ doch relevante Zahlen in einer Talkshow erwähnt, grätscht Frau Slomka schnell dazwischen.

Ein Teil all dieser Zahlen würde wohl die Bevölkerung verunsichern, um einen deutschen Innenminister mit französischem Namen zu paraphrasieren. Die Mathematik wird nicht unwirksam, nur weil man sie nicht wahrhaben will.

Zuerst, die Einwanderungswilligen. Solange man sich sogar bei Kriminellen schwertut, diese abzuschieben, und es bei der Mehrheit der Anständigen ohne Bleiberecht ganz unmöglich scheint, solange deutsche Grenzen offenbleiben, genauso wie das Portemonnaie der öffentlichen Hand, so lange ist Deutschland eine landgewordene Einladung an den Globus.

700 Millionen Menschen sind migrationwillig

Laut Gallup-World-Poll sind aktuell 14 Prozent der Menschen weltweit migrationswillig, also etwa 700 Millionen. Wunschziel Nummer Eins sind die USA. Nummer Zwei ist Deutschland. Slogans wie „Refugees Welcome“ und „Wir schaffen das“ mochten sich im Bauch gut anfühlen, die im Kopf stattfindende Mathematik heben sie nicht auf, ob der Kopf benutzt wird oder nicht.

Dann, der Familiennachzug. Wie viele Menschen werden nachkommen? Dieser Tage, also kurz vor dem Bundestags-Wahlkampf, kursieren „Schätzungen“ von einem nachziehenden Familienmitglied pro Syrer. Der Wähler hat aber noch im Ohr, welche Zusagen und Schätzungen etwa zu Euro-Rettung oder den Folgen der Trump-Wahl gemacht wurden. Derweil arbeitet die EU an einem erweiterten Familienbegriff, der die Zahl der nachziehenden Familienmitglieder vervielfachen wird. (Die Frage, wie man Familienmitgliedschaft zuverlässig prüft, ist dabei noch außen vor.)

Wahlkampf als Kampf der warmen Gefühle

Der Wahlkampf 2017 ist ein Kampf der warmen Gefühle gegen die kalte Mathematik. Der Sieg des Herzens über den Rechenstift wird aber immer nur vorübergehend sein. Am Ende hat noch immer die Mathematik gewonnen. Nur, je länger sich die Mathematik ihre Zeit für den Sieg läßt, umso schmerzhafter wird die Niederlage für die Mathematikleugner. Siehe die Krise von 2007/2008.

In den vergangenen Tagen sind die Flirts zwischen CDU und Grünen deutlich heißer, als die Umfrageergebnisse es nahelegen würden. Da darf man schon mal einen Grünen (Erik Marquardt) zitieren, um Merkels Haltung zur Mathematik zu illustrieren: „Wir können nicht der ganzen Welt helfen, aber wir können es wenigstens versuchen.“

Das ist, worum es am Wahltag geht: Wird das „Herz“ gegen die Mathematik gewinnen? Die Mathematik-Fähigkeiten der Deutschen sind bereits in der Grundschule eher schwach und unter EU-Durchschnitt, berichtet der Spiegel. Tendenz fallend. Die vierte Amtszeit Merkels ist gesichert.

CDU-Wahlkampf in Binz: Warme Gefühle gegen kalte Mathematik Foto: dpa
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