Militärparade
Militärparade auf dem Kim-Il-Sung-Platz in Pjöngjang mit Interkontinentalraketen Foto: picture alliance/ dpa

Nordkorea-Konflikt
 

Ende der Zurückhaltung

Kim Jong-un kann es nicht lassen. In immer schnelleren Abständen feuert er immer mehr Raketen ab: Mittelstrecken-, Langstrecken- und Interkontinentalwaffen, selbst von schwierig zu ortenden U-Booten. Jetzt der sechste Kernwaffentest: eine Wasserstoffbombe, deren Explosionsstärke die des Atomtests vor einem Jahr um das 20fache übertraf.

Die herrschende Schule der Beschwichtiger meint weiter unverdrossen, der junge grausame Diktator sei nicht wahnsinnig. Er werde seine Despotie nicht aufs Spiel setzen, sondern wolle mit seinem wirtschaftlichen Armenhaus als Atommacht unter den Großmächten der Welt mitspielen und die USA erpreßbar machen. Zudem dienen die spektakulären Tests und die dreiste Mißachtung aller Ermahnungen des UN-Sicherheitsrates der Legitimierung seines Regimes, der einzigen kommunistischen Dynastie der Welt, deren Erbfolge Kim Jong-un erst durch die Erschießung seines Onkels, die Ermordung seines Halbbruders und die Liquidierung vieler Generäle sichern konnte.

Der Westen hat versagt

Bei ihrer Sonntags-Fernsehdebatte bekundeten beide deutsche Kanzlerbewerber in naiver Eintracht, nur friedliche Lösungen seien akzeptabel. Tatsächlich wurde dies in Sechs-Parteien-Gesprächen unter Einschluß von Russen, Chinesen, Japanern und Amerikanern bereits jahrzehntelang geduldig versucht. Die Europäer finanzierten sogar Leichtwasserreaktoren mit, um die Nordkoreaner von ihrem angereicherten Uran- und Plutoniumtrip abzubringen. Und Südkorea schob während seiner „Sonnenscheinpolitik“ mehr als vier Milliarden Euro an Finanz-, Wirtschafts- und Nahrungsmittelhilfen in den Norden, um frei nach Willy Brandt dort „Wandel durch Annäherung“ zu schaffen.

Alles umsonst. Auch die „strategische Geduld“ des Nichtstuers Obamas ist ein Dokument des Versagens. Der Norden versenkte eine südkoreanische Korvette, beschoß Fischerdörfer, erschoß südkoreanische Touristen, kaperte weiter Fischerboote und schickte Selbstmordkommandos über die Grenze. Bei einem militärischen Konflikt steht der Sieger von vornherein fest: Nordkorea hat zwar mit 1,2 Millionen Mann eines der größten stehenden Heere der Welt unter Waffen, ist aber zu größeren Offensivbewegungen mangels Logistik und der absoluten US-Luftüberlegenheit nicht fähig.

Die Luft- und Panzerwaffe besteht aus sowjetischen Modellen, kommt mangels Sprit kaum zum Einsatz und hat, wie in den Irak-Kriegen ersichtlich, bestenfalls Schrottwert. Auch die Marine hat gegen die 7. US-Flotte keine Chance. Dazu sind die nordkoreanische Generalität und das Offizierskorps wegen der dauernden Säuberungen verunsichert und zu eigenen Initiativen unfähig.

Pläne für einen Präventivkrieg liegen in der Schublade

Einen Guderian oder Rommel wird man dort vergeblich suchen. Gefahr droht vor allem von den in Grenznähe vertunnelten etwa 30.000 Fernartillerie- und Raketenwerferstellungen, die das nur 40 Kilometer entfernte Seoul, den fünftgrößten Ballungsraum der Welt, in Schutt und Asche legen könnten. Dazu drohen die neuen Atom- sowie die nicht minder schrecklichen biologischen und chemischen Waffen des Regimes.

Selbstredend liegen die amerikanischen Pläne für einen Präventivschlag längst in allen Details und Varianten vor. 1994 hatte Bill Clinton einen solchen Angriffskrieg in letzter Minute abgelehnt, weil ihn die damals geschätzte Zahl von einer Million Todesopfern zurückschrecken ließ. Heute dürfte sie ein Mehrfaches betragen.

Am wichtigsten sind für die USA die sofortige Ausschaltung aller erkannten Kommandozentralen, Nukleardepots, Luftabwehr-, Raketen- und Artilleriestellungen, angefangen von den Bunkerquartieren und unterirdischen Fluchtwegen der politischen Führung. Dies wird angesichts der in Jahrzehnten gebauten Tunnel des Feindes auch den abgestuften selektiven Einsatz von strategischen und taktischen Atomwaffen nötig machen.

Angst vor einem „Pearl Harbor“-Szenario

Danach wird der Norden wie 1950 von Süden her von konventionellen südkoreanischen Streitkräften unter US-Oberbefehl und US-Truppen aufgerollt. Entscheidend dabei ist, daß diesmal kein chinesisches Eingreifen erfolgt. Deshalb werden die USA den Chinesen versichern, an der chinesischen Grenze keineswegs dauerhaft Truppen stationieren zu wollen, sondern sie beim Wiederaufbau des gewaltsam wiedervereinigten Koreas und der Ausbeutung der reichen Rohstoffe des Nordens zu beteiligen.

Was die Amerikaner beunruhigt und ihren Erstschlag beschleunigen könnte, ist die Furcht vor einem „Pearl Harbor“-Szenario. Das Kim-Regime könnte eine todbringende Angriffsstrategie fahren: ein massiver Feuerüberfall auf Seoul, Raketenschläge auf Tokio, Osaka und Nagoya, die Ausbringung von Milzbrand-, Pest- oder Pockenerregern sowie die Zündung kleiner Atombomben in den Häfen der US-Westküste, angeliefert von Selbstmord-U-Booten. Obreal oder imaginär, im Fall der Andeutung eines solchen Risikos dürfte Donald Trump nicht lange zögern, den Angriffsbefehl zu geben.

Weckruf für politische und mediale Klasse

Neben der Tragik für die koreanische Nation und der vielen unschuldigen von einem grausamen politischen Schicksal geprügelten Nordkoreaner, die mit dem Regime nichts am Hut haben, dürfte es bei jener militärischen Katastrophe, die vom Kim-Regime mutwillig provoziert wurde, in Europa nur eine Tröstung geben: Die radioaktive Strahlung wird uns ebenso wie jene von Hiroshima, Nagasaki und Fukushima nur marginal treffen.

Die Weltwirtschaft und die Börsen werden durch den zeitweisen Ausfall der fleißigen und innovativen Südkoreaner einen deutlichen Dämpfer erhalten. Und vielleicht wird unsere politische und mediale Klasse endlich zu den grausamen geopolitischen Realitäten der Welt erwachen. Und sich um die Sicherheit unserer Nation erstmals nach langer Zeit wieder ernsthaft zu sorgen beginnen.

JF 37/17

Militärparade auf dem Kim-Il-Sung-Platz in Pjöngjang mit Interkontinentalraketen Foto: picture alliance/ dpa
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