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Rußlands Präsident Wladimir Putin Foto: picture alliance/dpa

Meinung
 

Zum deutschen Trolljournalismus

Kürzlich frohlockten die Medien über die Entlarvung russischer Auftragsschreiber, die von St. Petersburg aus in Zwölf-Stunden-Schichten auf Internetplattformen und in sozialen Netzwerken tätig sind. Dort sollen sie gegen staatliches Salär eine Pro-Putin-Stimmung erzeugen. Der Tenor der online abrufbaren Artikel war absolut identisch: Bild: „Russische Internettrolle: Online pöbeln für Putin“.

Der Nachrichtensender n-tv: „‘Es ist eine wahre Fabrik’: Aus dem Alltag eines Putin-Trolls.“ Focus: „Propaganda auf Bestellung: Das ist Putins Troll-Fabrik – und so funktioniert sie“. Die Hannoversche Allgemeine: „Ich trolle für Putin“. Die Süddeutsche: „Putins bezahlte Trolle“. Der Subtext lautete: So etwas – eine von oben gesteuerte Meinungsmache und Staatspropaganda – gibt’s bei uns nicht!

Die russische Troll-Praxis ist keine Überraschung, sondern die folgerichtige Antwort auf die verdächtig einseitige Rußland- und Ukraine-Berichterstattung im Westen. Sie betrifft auch die Person des russischen Präsidenten, der meist unvorteilhaft, etwa aus der Untersicht abgebildet und angeleuchtet wird, was seinem blassen Gesicht mit den harmlos-weichen Konturen eine diabolische Anmutung verleiht.

Was ist nicht schon alles über ihn kolportiert worden: Seine Ehekrisen, die unehelichen Kinder, sein Bauchspeicheldrüsenkrebs, seine Paläste. Hut ab vor dem Qualitätjournalismus, mit dem wir gesegnet sind! Womit wir bei der Frage nach den Trollen unter uns wären.

Wikipedia nennt vier Troll-Merkmale

Wikipedia listet für sie vier Merkmale auf: Erstens agieren Trolle absichtlich, wiederholt und schädlich (intentional, repetitive and harmful). Zweitens ignorieren und verletzen sie die Grundsätze der „Community“ (ein Begriff, der im Folgenden mit „Gemeinschaft“ übersetzt wird). Drittens richten Trolle nicht nur inhaltlichen Schaden an, sondern versuchen auch, Konflikte innerhalb der Gemeinschaft zu schüren. Viertens sind Trolle innerhalb der Gemeinschaft isoliert und versuchen ihre virtuelle Identität zu verbergen.

Das meiste trifft auch auf die Mehrzahl der aktiven Journalisten und – nicht zu vergessen – Journalistinnen in Deutschland zu. Sobald sie Themen wie Rußland, Ausländer, „Kampf gegen Rechts“, Pegida oder AfD anpacken, kann von objektiver Berichterstattung keine Rede sein. Dann beginnt ein absichtlicher, wiederholter und auf Beschädigung des Gegners ausgerichteter Kampagnenjournalismus loszutoben. Zweitens verletzt und ignoriert er die Regeln der Gemeinschaft, indem er Tatsachen für nicht existent erklärt, die Realitäten verfälscht und den gesunden Menschenverstand außer Kraft setzt.

Enttarnung der Journalisten-Trolle ist im Gange

Drittens erfüllen die Kampagnenjournalisten nicht nur die Kriterien der „Lügenpresse“, sie versuchen auch Stimmung gegen diejenigen zu machen, die sich der Verfälschung entgegenstellen, wobei ihr bescheidenes Vokabular vom „Putin-Versteher“ bis zum „Neonazi“ reicht. Und viertens bilden sie letztlich nur eine Minderheitenmeinung ab, was durch ihre strategische Plazierung und Monopolisierung der großen Medien bis zum Siegeszug des Internets nicht aufgefallen ist beziehungsweise schwer nachzuweisen war.

Für sich deklarieren sie eine virtuelle Identität als „unabhängige“ Journalisten und verweigern die Transparenz über die Netzwerke, denen sie angehören und dienstbar sind. Sie können auch gar nicht anders. Im Fall der Widerspenstigkeit würden ihre Arbeitgeber – das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die ein, zwei Handvoll marktbeherrschenden Pressekonzerne – ihnen das Salär streichen.

Also, man erspart sich eine Menge emotionaler Aufwallung und geistiger Energie, wenn man die Mehrzahl der Journalisten einfach als getarnte Trolle begreift. Ihre Enttarnung ist im vollen Gange. Wenn sie mit dem Finger auf Putins Internetpöbler zeigen, weisen drei Finger ihrer Hand auf sie selbst zurück.

Rußlands Präsident Wladimir Putin Foto: picture alliance/dpa
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