Luegenpresse
Die etablierten Medien reagieren empört auf den Vorwurf der „Lügenpresse“ Foto: picture alliance/dpa
„Alternative Medien“ vs. „Lügenpresse“

Einfach mal weniger lügen…

Wie sehr das genial-einfache Schlagwort „Lügenpresse“ die Klasse der qualitätsmedialen Volksbelehrer auf den Solarplexus ihrer angemaßten Deutungshoheit über das Weltgeschehen getroffen hat, läßt sich trefflich am empörten Nachhall ablesen. Jan Fleischhauers jüngste Wutattacke auf „alternative Medien“und die „Verächter des ‘Mainstream-Journalismus’“ gehört zu den Ausläufern.

Das Rezept ist so simpel wie zum Gähnen langweilig: Man nehme ein paar besonders abstruse Theorien, die gerade in eher abseitigen Blogs und Foren zirkulieren, in dem Fall zum Absturz der „Germanwings“-Maschine in den französischen Alpen, und erkläre mit selbstzufriedenem Überlegenheitsgrinsen jeden, der sich nicht bevorzugt aus Spiegel-FAZ-WAZ-Bild und Tagesschau informieren will, pauschal zum Deppen und Sektierer.

Die naheliegende Frage, ob’s vielleicht an der „Traditionspresse“ selbst liegen könnte, daß so viele ihr nicht mehr trauen, stellt ein Fleischhauer natürlich nicht. Dabei hätte gerade die „Germanwings“-Katastrophe, bei der auch in den selbstgefühlten „Qualitätsmedien“ Informationsschnipsel und Mutmaßungen mit viel „Experten“-Geraune seiten- und sondersendungslang aufgeblasen wurden, Anlaß zur Selbstkritik geboten.

Warum dafür noch Geld bezahlen?

Aber freilich, vorsichtiges Formulieren und Zurückhaltung beim Urteilen mag man beim Spiegel gar nicht, wo man ja nicht nur sofort wußte, daß die über der Ostukraine zerschellte Passagiermaschine MH17 mindestens von Putin persönlich heruntergeholt worden sein mußte, sondern auch gleich die Opfer für ein kriegshetzerisches Titelbild mißbrauchte. Wer einmal hetzt, dem glaubt man nicht so ohne weiteres.

Jan Fleischhauers Groll auf die „Alternativen“ ist indes auch ein Gutteil Panik in eigener Sache. Als Spiegel-Kolumnist ist er schließlich das alibi-konservative Aushängeschild, das Pluralismus suggerieren soll, aber nur ein bißchen, so daß es nicht weh tut. Unkontrollierte Information im Netz bedroht sein Geschäftsmodell. Den „Pegida“-Anhängern hat er deshalb auch schon vorgeworfen, daß man nicht mit ihnen reden könne, weil sie keine etablierte Zeitung lesen und nicht Tagesschau gucken.

Wenn sie das täten, würden sie ihre Welt allerdings auch nicht wiedererkennen. Da hätten sie dann zum Beispiel tagelang zu hören bekommen, daß ein in Dresden erstochener Asylbewerber als „erstes Pegida-Opfer“ eigentlich auf ihr Konto geht, bis irgendwo verschämt im Kleingedruckten mitgeteilt wird, daß der Mann von einem anderen Asylbewerber umgebracht wurde. Warum sollen sie dafür auch noch Geld bezahlen?

Einfach mal nachdenken

Dabei gäbe es für Fleischhauers Kollegen ein einfacheres Mittel als die Beschimpfung abtrünniger Leser, um das „Lügenpresse“-Verdikt zu widerlegen: Einfach weniger lügen. Einfach mal raus aus dem eigenen ideologischen Raster und nicht alles kritiklos weitertransportieren, was Politiker und von ihnen bezahlte Experten so absondern, nur weil’s ins eigene Weltbild paßt. Einfach mal innehalten und nachdenken, ob wirklich jeder ein „Nazi“ ist, der in seinem Dorf keine Asylbewerberunterkunft haben will und dagegen protestiert.

Einfach mal nachfragen, warum Frau Schwesig über den Brandanschlag auf ein noch nicht bezogenes Asylbewerberheim in Sachsen-Anhalt „fassungslos“ ist, aber Linksextremisten, die regelmäßig ganze Innenstädte in Bürgerkriegszonen verwandeln, für ein „aufgebauschtes Problem“ hält.

Einfach mal sich wundern, warum nach dem – übrigens noch immer nicht aufgeklärten – Tröglitzer Anschlag unisono nach deutschland- oder gar europaweiten Konsequenzen gerufen wird, während es immer noch Leute gibt, die linke Brandstifter und Randalierer mit einem nonchalanten „war ja nur Gewalt gegen Sachen“ abtun, statt ideologisch und politisch motivierte Gewalt ohne Wenn und Aber und egal welcher Couleur zu verurteilen.

Solange naheliegende Fragen nicht von den sich kritisch und unabhängig dünkenden Qualitätsjournalisten gestellt werden, sondern von Bloggern wie dem Ex-Titanic-Mann Bernd Zeller, werden die Leute sich auch weiter nicht vorschreiben lassen, wo sie sich informieren sollen. Sorry, Jan.

Die etablierten Medien reagieren empört auf den Vorwurf der „Lügenpresse“ Foto: picture alliance/dpa

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